Hoiffheim Ascensio Domini 1582

Merge Wolff, die Frau des Kirchendieners, traute ihren Augen nicht, als sie die Münzen am Fußboden liegen sah. Drei goldene Münzen lagen mitten im Flur auf dem Boden. Sie bückte sich und klaubte sie auf. Die konnten doch nur ihrem Gemahl verloren gegangen sein und sie fragte sich, wie er an die Goldmünzen gelangt war. Sicher, hin und wieder findet sich ein Goldstück in Gottes Kasten, aber gleich derer Drei davon und dazu noch am Boden liegend. Das kam ihr doch recht seltsam vor. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass ihr Mann sich in den letzten Tagen überhaupt recht merkwürdig verhalten hatte. Immerzu wich er ihren Fragen aus, ignorierte sie einfach, so als sei sie gar nicht vorhanden oder einfach Luft für ihn. Und in die Augen sah er ihr auch nicht. Ihre Frage nach der eigentümlichen Figur, die er restauriert hatte, ließ er ebenfalls unbeantwortet.

Sie betrachtete die Münzen genau und stellte sich dabei vor, was sie damit alles kaufen könnte. Es klopfte. Merge erschrak und schob die Münzen schnell unter die Tischdecke.

Sie ging zur Tür und öffnete. Niemand war da. Weit und breit kein Mensch zu sehen. Vielleicht hatte sie sich getäuscht. Sie nahm die Münzen und ging hinüber zur Kirche, um sie ihrem Mann zu bringen. Caspar Wolff war heute Morgen früher als sonst in die Kirche gegangen. Merge dachte darüber nach, fand aber keine Erklärung dafür. Sie ging über den Kirchhof, und als sie die Tür am kleinen Chörlein öffnen wollte, hörte sie plötzlich die Glocke ein einziges Mal schlagen. Es klang so, als hätte sie einer jäh abgewürgt. Mit ein paar hurtigen Schritten durchquerte sie das Chörlein und sah sich in der Kirche nach Caspar um.                                                                                           76

 

Sie erstarrte. Ein Aufschrei blieb ihr im Halse stecken. Sie stand wie gelähmt, den Mund weit geöffnet. Schwindel erfasste sie und sie kam ins Taumeln, als sie versuchte die Eingangstür zu erreichen. Dort hing Caspar am Glockenseil. Aufgehängt! An seinem Hemd steckte ein Zettel mit der Aufschrift: ›Schuldig‹. Merge fasste sich ein Herz, umklammerte Caspars Beine und versuchte seinen Körper, der sich noch ganz warm anfühlte, nach oben zu drücken. Doch jedes Mal, wenn die Kräfte sie verließen und sie den Leichnam loslassen musste, ertönte ein Glockenschlag. Sie ließ ihn sanft nach unten gleiten, um in der Sakristei ein Messer zu holen. Als sie wieder zitternd auf der Leiter stand, die auch Caspar benutzt hatte, entdeckte sie noch mehr der goldenen Münzen am Boden liegen. Ihn abzuschneiden war aber hoffnungslos. Das Messer war viel zu stumpf, da es lediglich dafür gedacht war, das übergetropfte Wachs der Kerzen abzukratzen.

Capplan Bartholomäus hörte die verunglückten, seltsamen Glockengeräusche und machte sich sogleich auf, um dem Missstand auf den Grund zu gehen. Er schlug ein Kreuz, als er sah, was sich in seiner Kirche abspielte.

»Was ist denn hier passiert?«, entfuhr es ihm, obzwar er beim ersten Blick gleich erkannt hatte, was geschehen war.

»Er ist heute Morgen schon früher als sonst in die Kirche und nun hat er sich aufgehängt«, sagte Merge unter Tränen. »Warum nur? Warum ist er schuldig? Woher kommt das viele Geld?« Üble Gedanken machten sich in Merges Kopf breit.

 

»Dafür ist jetzt keine Zeit, wir müssen ihn schnellstens abhängen, bevor die ersten Kirchenbesucher kommen. Außerdem«, fügte Bartholomäus sehr gefasst hinzu, »müssen gleich die Glocken geläutet werden.«

Beide machten sich nun gemeinsam ans Werk. Bestiegen die Leiter und zusammen gelang es ihnen, den Leichnam Caspar Wolffs vom Seil abzunehmen.

Als sie ihn vorsichtig auf den Boden betteten, fielen noch ein paar Münzen mehr aus den Taschen des Toten. Sie trugen ihn in die Sakristei und legten ihn behutsam in den sich dort befindlichen Sarg, in dem wie gewohnt die Toten während des Requiems in der Kirche aufgebahrt werden.

Merge war zornig auf die Mächte des Himmels. Sie ergriff hingegen einen Eimer und einen Lumpen, um den Boden, dort wo ihr Mann hing, zu reinigen. Bartholomäus hatte längst die goldenen Dukaten als auch ein paar römische Münzen aufgehoben, die an der Stelle umherlagen. Er staunte fürbass, als er beim Opferstock noch mehr der Münzen umherliegen sah. Sie waren aus dem überquellenden Gotteskasten mannigfaltig herausgefallen. Es waren die Gleichen, wie Anna eine auf ihrem Totenbett in der Hand gehalten.

Wie es zu der beiden Tod kam, habe ich, Johannes Jesser, hier in dieser Geschichte ausführlich uffgeschrieben. Zu ewger Gedächtnuß und zu aller Plaisier. Nicht nur Anna und der Küster hatten keinen natürlichen Heimgang. Es gab noch ein paar der Toten mehr. Ich schwöre bei allen Heiligen und bei meiner Ehre als Gerichtsschreiber, dass diese Geschichte rein der Wahrheit ist und ich nichts dazu erfunden habe.

 

Aber nun eines nach dem andern, so wie es sich seiner Zeit zugetragen.

 Mit aller Macht war wieder einmal ein langer, kalter und entbehrungsreicher Winter ins Land gegangen. Eis und Schnee wollten lange nicht dem Frühling weichen. Das Tauwetter wurde immer wieder von neuen Kälteeinbrüchen unterbrochen. Die Kargeswiesen an der Crufftel waren überschwemmt und zugefroren, sodass unsere Jugend die ganze Witz hinauf bis hin zum Untertor mit ihren Schlittschuhen fahren konnte. Der kurze Frühling schlug gleich in große Hitze um und man konnte den kommenden heißen Sommer jetzt schon spüren. Im letzten Jahr waren die Verhältnisse ähnlich. Viele unserer Weinstöcke hatten den Maifrost nicht überlebt und der Sommer, der die Süße des Weines hervorbringen sollte, ließ mit seiner Gluthitze die Trauben am Stock verdorren. So blieben die Weinschröter und auch so mancher Tagelöhner ohne Arbeit und ohne Brot. Die heißen Sommertage ließen große Teile der Ernte in den Gewitterfluten versinken. Das Obst vertrocknete an den Bäumen, noch bevor es reif zur Ernte war. Die Feldprozessionen, die wir verrichteten, hatten nicht geholfen. Keiner der Vierzehn Heiligen war uns wohl gesonnen oder erhörte unsere Gebete und der eine oder andere Nachbar hegte Zweifel an seinem Glauben. Es gab Anzeichen, dass sich manche in ihrer Not wieder den alten Göttern zuwandten. Das war ein vager Verdacht, den man bisher lediglich nur hinter verhohlener Hand vernehmen konnte. Die Gemeinde folgte immer wieder dem Pfarrer mit Kind und Kegel zum Obertor hinaus; durch den Obergarten über die Pfingstweide und den Clingen hinauf auf den Räuberberg. Dort wollte man mit

 

lauretanischen Litaneien die Dämonen der Finsternis vertreiben, die schon seit Jahrhunderten, ja wenn nicht gar seit Jahrtausenden, dort oben ihr Teufelsspiel mit den Hofheimern trieben. Oh Maria hilf !

Wir leiden große Not, selbst unsere Bauern können nur mühsam ihre große Kinderschar ernähren. Kaum jemand ist in der Lage einem Handwerker die Rechnung zu bezahlen. Der schmale Verdienst reicht gerade für das Nötigste; Brot, Milch und Eier. Während die Handwerker im Ruin landen, werden andere immer reicher. Händler, Müller und Bäcker machen den Reibach. Früher konnte man sich bei den Juden etwas leihen, doch die haben meist selbst nichts. Müssen sehen, wie sie Monat für Monat ihr Schutzgeld zusammenbekommen. Und wenn einer was hat, ist es ihm verboten, innerhalb der Stadt Geld zu verleihen. Doch dann macht man halt das Geschäft vor den Toren. Damit wurde schon manch einem Hofheimer über den Berg geholfen. Wird aber einer erwischt, egal sei es der Geldgeber oder der Schuldner, fliegt er unweigerlich in den Turm. Unsere Herrschaft, die Stolberger Grafen hatten den evangelischen Glauben im Jahre 1540 nach Hofheim gebracht. Ein jeder musste damals Protestant werden, ob er wollte oder nicht. Cuius regio, eius religio. Hier bei uns sagen die Leute: »Wie der Herr so’s Gescherr!« Und wer nicht wollte, der zog daraufhin in Meenzer Gebiet, ins katholische Ausland. Ja ganze Familien wurden damals auseinandergerissen und zu erbitterten Feinden. Obwohl es doch nur darum ging, wer die vermeintlich richtige Religion innehatte.

 

 

Um für mich selbst zu sprechen, ich wollte mein Ambt als Stadt- und Gerichtsschreiber nicht verlieren. War deshalb den Stolbergern ganz und gar ergeben. Was hätte ich auch anderes machen sollen? Schließlich hatte ich vier Mäuler zu stopfen und ein Weib zu ernähren. Das war schon damals ein hartes Brot, doch die Stolberger zahlten nicht schlecht. Wir nennen ein kleines Häuschen unser Eigen, das von meinem Vater auf mich kommen ist. Eine Sau, ein paar Hühner und Gänse, das ist schon alles, was wir unseren Besitz nennen. Die Hühner und Gänse können wir nicht mehr nach draußen lassen, damit kein Nachbar in Versuchung geführt wird. Ich will mich nicht beschweren. Andere haben viel weniger oder haben gar nichts und hängen am Bettelstab. In all den Jahren haben die Nachbarn meine Hilfe gerne angenommen. Viele Schriftstücke habe ich für sie gefertigt, Eheverträge geschrieben, Testamente aufgesetzt; manches Mal gab es auch Verliebte, die mir ihren Text für einen Liebesbrief in die Feder diktierten; oder mir selbst die Worte überließen. In Hofheim gibt es zurzeit keine Schule. Weder die Stadt noch die Bürger konnten ihr Scherflein dazu beitragen, den Schulmeister Florian Buchwald zu bezahlen. Die nächsten Schulen befinden sich in Franckfurth oder Meenze. Manchmal brachte ich selbst den hiesigen Kindern das Lesen und Schreiben bei. Alles für ein paar Florentiner, sofern einer diese überhaupt hatte. Meistens waren es Knaben, die ich auch in Latein unterrichtete. Man muss ja selber sehen, wo man bleibt, in diesen schweren Zeiten. Viel habe ich durch meine Schreiberei erfahren. Viele persönliche Geschichten haben mir die Hofheimer anvertraut. Doch mittlerweile haben sich die Zeiten geändert. Kaum einer hat noch einen Pfennig, um meine Arbeit bezahlen zu können. Ahnungsvolle Schauer schleichen mir den Rücken herunter, wenn ich nur an die Zukunft denke.

 

Während ich hier sitze und in meinen Erinnerungen krame, schreiben wir das Jahr 1582. Gut schaut es nicht aus. Ziemlich düster ist es hereingebrochen.

Manche leiden Hunger, haben Angst vor der Not, suchen Trost und Hilfe bei der Kirche. Doch die kirchliche Oberkeit und der Papst drohen mit der Apokalypse und halten unsere Not für eine Strafe Gottes. Vieles ist uns verboten. Selbst das Bücherlesen wird von der Oberkeit nicht gerne gesehen, vor allem nicht, wenn es die Weiber tun. In Höchst wurde eine Frau mit Hieben bestraft, da man sie beim Lesen vorgefunden. Jeder schwärzet den anderen bei der Oberkeit an. Die Katholiken beklagen die Evangelischen und umgekehrt wegen der Missernten, und man muss höllenartig aufpassen, dass man das Maul nicht gar zu voll nimmt. Seit Jahren versucht die alte Meenzer Herrschaft bei uns in Hofheim wieder Fuß zu fassen und streitet beständig mit unserem Grafe Ludwig. Seit dem Frieden in Augsburg Anno 55 ist die Lage etwas komfortabler geworden. Doch es hat schon noch ein paar Jahre gedauert, bis jeder Christenmensch wie ehedem seinen rechten Glauben wieder ausüben konnte.

Die Meenzer hatten es damit nicht allzu eilig gehabt. Denn selten schickten sie einen Hirten, der uns die Beichte hörte und den Leib des Herrn reichte, geschweige denn uns und unsere Kinder im richtigen Glauben unterrichtete. Jetzt, da ich wegen meines Alters vom Dienst suspendiert bin, habe ich gleich meinen alten Glauben wieder angenommen. Ist schon besser, wenn man in der gleichen Religion beerdigt wird, in der man auch getauft wurde. Mein Gedicht, das passt für beide Konfessionen. Kommt darauf an,

 

ob man es quer oder von oben nach unten liest.

Ich sage gäntzlich ab             der Römisch Lehr und Leben

Luthero bis ins Grab               will ich sein gantz ergeben

Ich hasse und verspott             die Mess und Ohrenbeicht

Luthero sein Gebot                   ist mir gar Süs und Leicht

Ich hass je mehr und mehr       all die das Papsttum lieben

Die Lutherische Lehr               hab ich ins Hertz geschrieben

Hinweg aus meinem Land        all Römisch Priesterschaft

was Lutherisch ist verwand      schütz ich mit aller Kraft

wer Lutherisch lebt und stirbt  das Himmelreich soll Erben

in Ewigkeit verdirbt                wer Römisch bleibt zum sterben.

                                                ***

Die Abendsonne verschwand hinter dem Räuberberg. Nebel lösten sich in der aufkommenden Nacht, in der sich manch graue Hoffnung in schwarze Schatten verwandelt, die Geister hervorbringt und unter ihrem geheimnisvollen Mantel das Böse gebiert und verdeckt. Etwas Geheimnisvolles bahnte sich in jener dunklen Nacht im Gänseck an. Zuerst betrat die Amfrau Gred Pfeiffer ihr Elternhaus. Anna, ihre Schwester, hatte sie schon erwartet und die Tür einen Spalt offen gelassen. Sie kam wie verabredet, gleich, nachdem der Nachtwächter bei seiner letzten Runde schlürfend das Gänseck verlassen hatte.

 

Gred hatte eine Kerze mitgebracht, die sie an einer brennenden von Anna anzündete. Annas Katze suchte das Weite, als die Kerze anfing zu flackern. Da Gred bei ihrem Eintritt die Tür ins Schloss fallen ließ, musste die Blumin an die Tür klopfen. Sie benutzte den beweglichen Ring, den ein an der Tür angebrachter eiserner Hundekopf im Maul hatte. Anna überhörte das leise Klopfen der Blumin. Sie war nicht gerade schwerhörig, doch man musste laut mit ihr reden, wenn man von ihr gehört werden wollte. Gred, die nur aus Haut und Knochen bestand, sprang auf und öffnete der Blumin die Tür. Für gewöhnlich trafen sich die drei Frauen nächtens einmal im Monat, mal bei der einen, mal bei der anderen. Da gewisse Gerüchte in letzter Zeit aber nicht verstummen wollten, hatte man die Treffen schon seit einigen Monden ausgesetzt. Heute war es eine Ausnahme. Es gab einen besonderen Grund, dass sie sich heute hier trafen. Die Blumin war am Morgen aus des Betzels Gasthaus geflogen. Eigentlich hatte sie doch nur ihre Medizin für Betzels kranke Tochter Lisa angeboten. Man muss wissen, die Blumin stellt ihre Medizin selbst her. Aus Kräutern, die sie in Wald und Feld sammelt. Auch aus Kräutern, die sie in ihrem Garten zum Wachsen bringt. Bisher hatte sich noch nie jemand über ihre selbst gebrauten Tinkturen beklagt. Doch heute Morgen im Gasthaus der Betzels. Eine Schande, ja Ehrabschneidung war das. Alle drei Frauen waren der Meinung, es musste etwas gegen den Bierbrauer und seine vermaledeite Brut unternommen werden. Auch die beiden Schwestern glaubten, dass es der Gründe genug gab, um gegen die Betzels vorzugehen. Anna forderte die Frauen auf, eine Kerze in die Hand zu nehmen und ihr ins Wohnzimmer zu folgen. So taten sie es und folgten Anna hinterdrein. Es sah so gespenstig aus, als würden die Nachtvahren selbst eine Prozession abhalten.

 

Vorneweg die vom Leben gezeichnete Anna, deren krummer Buckel schon viele Kreuze getragen hat. Wie immer hatte sie ihr blaues Kopftuch auf dem Haupt, dass sie auch innerhalb ihrer vier Wände niemals absetzte. In der faltigen knöchernen Hand die Kerze, die auszugehen drohte, als sich ein Nasentropfen selbstständig machte und auf den Docht fiel. Sie knickte kaum merklich in der Hüfte, und war trotz aller körperlicher Gebrechen flink wie ein Wiesel, wenn sie des Tags durch die Stadt huschte. Ihr folgte Gred, ihre Schwester, die hager und dürr daher kam. Die stolze Frau ging kerzengrade und trug den Kopf immer etwas höher als andere Leute. Sei’s drum, dass sie sich als Amfrau unentbehrlich wusste. Seit dem Tod ihres Mannes vor ein paar Jahren ging sie immer schwarz gekleidet. Und auch heute sah sie von allen Dreien am feierlichsten aus. Zuletzt betrat die Blumin Annas Küche. Die Kräuterfrau war noch etwas kleiner als Anna, dafür aber doppelt so breit wie die Gred. Ihre freundlichen Augen strahlten im Kerzenlicht und man sah ihr an, dass Sie den beiden Schwestern dankbar war, die sich gegen die Betzels auf ihre Seite schlugen. Auch sie hatte ihre Alltagsschürze ausgezogen und war in den blauweiß gestreiften kartunenen Rock gestiegen, den sie sonst nur am Tag des Herrn zu tragen pflegte. Die drei wähnten sich alleine, doch auch in Hofheim hatte die Nacht Augen und Ohren.

Anna hatte den Tisch für vier Personen gedeckt. Ihr war es gleichgültig, ob der Wormser oder der Regensburger Bischof gegen die Unsitte wetterte, ein Gedeck für die nachts umherstreifenden Frauen aufzulegen. Schließlich sollen sie nicht hungern, wenn sie heimlich das menschliche Tagwerk zu Ende führten. Anna glaubte an die Nachtvahren und respektierte sie.

 

Zudem hatte ihre Mutter von jeher für sie ein Gedeck mehr aufgelegt. Es sind die Geister, die nachts umherschwirren, Menschenschicksale bestimmen und dafür ihren Tribut erwarten. Auch wenn es verboten war, für Gred und die Blumin war das Auflegen eines zusätzlichen Gedecks nichts Ungewöhnliches. Sie wussten, dass Anna für ihre geliebte heilige Mutter Ambeth, die schon seit mehr als tausend Jahren oben auf dem Räuberberg trohnte und das Schicksal der Hofheimer bestimmte, ein Gedeck mehr auflegte. Gred und die Blumin taten es ihr gleich. Die Blumin allerdings nur an Weihnacht und in den Raunächten.

Ich weiß es genau! Meine Mutter und meine Großmutter haben das auch vollführt. Sie waren gut Freund mit der Blumin und ihrer Mutter. Ob sie es von ihnen übernommen haben? Das glaube ich nicht. Jeder macht das hier in den Raunächten. Es war schon immer so. Zwischen Weihnacht und Dreikönig werden noch ganz andere Sachen praktiziert. Der ehemalige Pfarrer sagte immer, es sei alles Hokuspokus. Der wusste es am besten, denn er hörte von den Unsitten im Beichtstuhl. Jahr für Jahr schimpfte er von der Kanzel, kein Los zu werfen und nicht zu orakeln. Keiner gab es zu, aber alle tun es. Schließlich will doch ein jeder wissen, wie das kommende Jahr wird. Manchmal enden solche Sachen schon vor Gericht. Wenn Nachbarn einem Böses wollen. Ich kann ein Lied davon singen. Viel dererlei habe ich bei Gericht erlebt. Da wird fleißig schmutzige Wäsche gewaschen. Beileibe nicht in den Raunächten. Gott behüte. Da wird überhaupt nicht gewaschen. Das bringt Unglück, wenn die Wäsche zwischen den Jahren zum Trocknen aufgehängt wird.

 

Nein, ich war nicht bei Gericht angeklagt; ich war dessen Schreiber. Viele Jahre habe ich für Stadt und Gericht geschrieben. War immer neutral, ob als Stadt- oder als Gerichtsschreiber. Habe nichts geschönt und war immer verschwiegen. Noch heute kommen die Nachbarn zu mir, um mich um Rath zu fragen und um ihr Herz bei mir auszuschütten. Deshalb erfahre ich viel, über die Leute in der Stadt, oft mehr als der Schultheiß und der Pfarrer. Ich rede nicht darob, ich notiere mir alles auf. Warum? Hab ein Leben lang geschrieben, kann gar nicht anders, bin Schreiber mit Leib und Seele, bis zum letzten Federstrich. Wird nicht mehr lange hin sein, bis die Augen verdorben sind.

Die Pfeiffers Greden, deren Ehe ohne Nachkommen blieb, deckt ihren Tisch am Sterbetag ihres Mannes mit drei Gedecken. Zusätzlich eins für ihn und die Nachtvahre, falls sie kommen sollte und Hunger hat. Er ist damals in Betzels Eiskeller umkommen. Betzel fand ihn tot im blutgetränkten Eis. Sagt, Pfeiffer hätte Bier stehlen wollen, dabei sei er ausgerutscht und hat sich an der zerbrochenen Flasche aufgeschlitzt. Gred glaubt ihm nicht, sagt, er sei ein Lügner. Seit diesem Tag hadert sie mit dem Betzel und gibt ihm die Schuld am Tod ihres Mannes. Sie hat ihn damals als Mordbube angeklagt, aber kein Recht erhalten.

Bis heute weiß kein Christenmensch, was der Pfeiffer dort eigentlich zu suchen hatte. Hinzu kommt, sie war damals in ihrer Amfrauenehre zutiefst gekränkt, da sich Betzels Frau bei Lisas Geburt von der Amfrau Margaretha Werners aus Crufftel entbinden ließ. Ausgerechnet von der Amfrau, die man schon immer mit dem Leibhaftigen in Verbindung brachte. Und war Lisa nicht daher schon verdächtig? Dass Gred damals übergangen wurde, das hatte sie der Betzeln nie verziehen.

 

Nun war die Gelegenheit da, dafür Rachtung zu nehmen. Anna und die Blumin sind alte, knöcherne Jungfern, Betschwestern, die sich auch nicht in der Blüte ihrer Jugend um ein Mannsbild gekümmert hatten. Mir wurde auch nie bekannt, dass es in Hofheim je ein Mannsbild gab, der um eine der beiden Frauen gefreit hätte.

Mittlerweile hatten sie Platz genommen und nahmen, so wie sie es auch sonst immer taten, ein Mahl zu sich. Diesmal fiel es üppiger aus als sonst. Der Geruch von Schweiß und Alter, vom Essensgeruch überdeckt, kroch durch das Haus.

»Von wem stammt denn der gute Schmaus?«, fragte die Blumin schmatzend.

»Ich habe ihn beim Metzeler geholt«, grummelte Anna, verschwieg aber, dass der Ambtmann für den Hasenpfeffer gezecht hatte. Daraufhin sang auch Annas Schwester ihr Loblied auf den Braten und die gekochten Rüben. Sie mampften und schmatzten gefräßig, als hätten sie seit Tagen nichts mehr gegessen. Dabei schnatterten sie wirr durcheinander, und es folgte ein einziges Gezeter und Geschimpfe auf Betzels Sippe. Die Blumin hatte noch mehr Gründe, die ihr Anlass waren, die Betzels zu hassen. Ihre Mutter wurde selligmals wegen Zauberey vor das Hofheimer Gericht gebracht. Der damalige Keller Wenndel Faust hatte derzeit das Verhör im Fischertor gegen die alte Blumin geleitet. Dabei kam es auch zum Verhör der Elisabeth Betzel, der Frau seines besten Freundes. Sie brachte es nicht fertig, Wenndel anzulügen und gestand, dass die alte Blumin ihr aus Kindsnöten geholfen hatte. Zu der Frage aber, wie das geschehen sei, verweigerte sie die Aussage. Etliche Frauen wurden damals verhört, die, um sich nicht

 

selbst zu kompromittieren, nichts oder nur verstockt etwas über die Blumin preisgaben. Es waren auch einige Frauen von Hofheimer Schöffen darunter, vor allem aber auch die Frau des Schultheißen. Man glaubte damals, das sei der Grund gewesen, warum das Verfahren – wegen Umtriebe im Zusammenhang mit Hexerei – kurzerhand eingestellt wurde. Die alte Blumin wurde von Wenndel mit Hausarrest belegt, was nichts anderes bedeutete, als dass sie Hofheim nicht verlassen durfte. Etwa bei Ambtsantritt des lutherischen Pastors Meister Adam Tamiandus wurde der Hausarrest wieder aufgehoben.

Anna hatte einen einzigen wichtigen Grund, den Betzels einen Schaden zuzufügen. Sie stand gewissermaßen, was die Hexerei betraf, bei den Bürgern und Nachbarn unter Dauerverdacht. Kein Wunder bei ihrem hämischen Verhalten. Sie hatte Höllenangst davor, man könnte sie selbst für eine Hexe halten. Da war es schon besser, wenn man Lisa für eine solche hielt. Im Frühsommer anno 1569 wurde in Hoichheim eine ihrer weitläufigen Verwandten einem peinlichen Verhör unterzogen. Allein wenn Anna nur daran dachte, lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken. Sie wollte sich nicht mit auf dem Rücken zusammengebundenen Händen schwebend hochziehen lassen oder gar mit dem spanischen Reiter Bekanntschaft machen.

Ihre Verwandte hatte die Prozedur zwar überlebt, doch blieben arge Blessuren zurück. Da sie jedoch nicht geständig war, wurde sie gegen Urfehde auf freien Fuß gesetzt. Anna hatte Angst, ihr könnte es genauso ergehen. Wenn es in diesem Jahr wieder zu einer Missernte kommen sollte, war sie sich sicher,

 

würde man schon einen Schuldigen in der Stadt finden, der seinen Kopf dafür hinhalten muss. Zu viele der Gerüchte, die umgingen, kamen auf sie. Allein aus diesem Grunde hatte sie sich seit einiger Zeit nicht mehr mit der Blumin und auch nur sehr selten mit ihrer Schwester getroffen. Zudem diese ja auch noch in die Sache mit einem Kindstod verstrickt war. Auf keinen Fall wollte sich Anna als Hexe brennen lassen. Und um das zu verhindern, war ihr jedes Mittel recht. Gab es denn nicht schon genug Gründe, die Betzeln für eine Hexe zu halten?

Lisa war nicht besonders fromm. Sie war außergewöhnlich schön, hatte rötliche Haare und ein Kainsmal ließ sich sicher auch noch irgendwo am Körper finden. Im Gegensatz zu den armseligen Äckern der Bauern brachten Betzels Felder im Hopfengarten reiche Ernten hervor. Das waren Gründe genug, um ein Verfahren zu eröffnen, und wenn das nicht langte, konnte man ja noch ein paar mehr erfinden. In anderen Landen war manch Weib mit weniger Gründen und Beweistum als Hexe gebrandmarkt worden. Lisa hatte sie sich als Opfer ausgesucht und zudem wusste sie den Ambtmann auf ihrer Seite.

Es war eine beschlossene Sach, Lisa, des Betzels Töchterlein, dem Gericht zuzuführen. Anna stand auf und bat die anderen, ihr mit Kerzenlicht in den Keller zu folgen. Sie öffnete die Kellertür und sogleich kam ihnen ein übler Gestank entgegen. Gred bemerkte sofort, dass der Gestank viel ekelhafter als sonst war. Der übliche Kellermuff und Ziegengestank – Anna hielt ihre Viecher den Winter über im Haus – vermischte sich noch mit dem Geruch von feuchter Erde. Anna hatte in ihrem Keller den Taufstein aus der Sankt Peter und Paul

 

vorgegangenen Kirche stehen. Davon wissen nur die wenigsten Leute in Hofheim, und ich schwöre Stein und Bein, das alte Taufbecken dort einmal gesehen zu haben. Es war bei einem Gerichtstermin, einer Katastersache, bei der ich das Protokoll zu führen hatte. Es könnte gut und gerne aus dem siebenten oder achten Jahrhundert stammen. Anna behauptet, es sei ewig in ihrem Keller gestanden. Irgendwie muss es ja einmal dort hingekommen sein. Ich glaube, dass Anna einen Messner als Vorvater in ihren Reihen gehabt hatte, der den Stein ins Haus brachte, als das neue Taufbecken in St. Peter installiert wurde.

 Die Frauen stellten ihre Kerzen auf dem Rand des Sandsteinbeckens ab. So muss es schon viele Male zuvor geschehen sein, denn rundherum hatte sich eine dicke Wachsschicht angesammelt. Das vom Rand heruntergetropfte Wachs ließ kaum noch die Ornamente erkennen, die ein mittelalterlicher Steinmetz geschaffen hatte. Früher hatte Anna das Becken immer bis zum Rand mit Weihwasser gefüllt. Doch seitdem das Taufbecken in St. Peter und Paul mit einer Haube abgedeckt war, musste Anna sparsam mit ihrem geweihten Wasser umgehen. Gerade einmal der Boden ihres ›Heiligtums‹, wie sie ihr Becken nannte, war bedeckt. Es roch genauso faulig wie die feuchte Erde, die überall im Keller verstreut umherlag. Die Frauen benetzten ihre Finger mit dem Weihwasser und schlugen ein Kreuz. Anna faltete die Hände und murmelte leise vor sich hin. Die beiden anderen verstanden nur Wortfetzen wie Hexensalbe, Federhans, Turm abstrafen, Teufelsbuhlschaft, Sparpfennig, in Teufels Namen. Sie streckte ihre Hände nach

 

links und rechts, die von Gred und Margaretha ergriffen wurden. Nun forderte sie die beiden auf, ihr nachzusprechen: »Heiliger Erzengel Michael, heiliger Petrus, alle Cherubim und Serafim …« Die beiden anderen Frauen sprachen Annas Worte nach:

»Heiliger Erzengel Michael, heiliger Petrus, alle Cherubim und Serafim, steht uns bei in unserem Kampf, das Malefiztum in Hofheim im Keim zu ersticken. Keine Hex soll jemals in Hofheim ihr Teufelswerk verrichten. Kein Zauberey soll den Teufeln hie in unserem Städtchen gelingen. Wir werden mit all unserer Kraft und Macht, die uns der Heiland geben, die Augen offen halten und die Augen der Nachbarn öffnen, die Machenschaften dieser Satansbrut zu verhindern.«

Um diesen Komplott, der sich ausschließlich gegen Lisa Betzel richtete, auf sichere Füße zu stellen, brachte Anna die Ambeth ins Spiel. Ihr schenkte sie, wie jeder hier in Hofheim wusste, ein großes Vertrauen.

                          Du unsere Mutter

                          hast uns geboren,

                          dafür lieben wir dich!

 

                          Du unsere Erde,

                          Sonne und Mond,

                          Freude und Leid.

                          

                          Du unsere Natur,

                          von der wir leben,

                          Salz und Brot.

 

                         Du unsere Quelle

                         an der wir uns laben,

                         immer und ewiglich.

 

 

   »Du hast uns vor Kriegsnöthen und der Pestilenzia bewahret. Trete ein in unseren Pakt gegen Malefiztum und lasterhafte Zauberey in unserem Hofheimer Ländchen.«

Während die anderen beiden ihr noch den letzten Satz nachsprachen, spürte sie, wie etwas über ihre Füße huschte, was ihr aber nichts weiter ausmachte. Als sie nach oben gingen, machte sich der Tag mit neuem Licht bemerkbar. Die Blumin ließ die beiden Schwestern zurück und machte sich rasch auf den Heimweg.

Anna wusste nur zu genau, was nun passieren würde. Ihre um zwei Jahre jüngere Schwester, würde sie gleich mit heftigen Vorwürfen traktieren. Kaum dass sie den Gedanken zu Ende gedacht hatte, legte Gred los.

»Hast du schon wieder im Keller gebuddelt? Das Haus wird dir noch einmal über dem Kopf zusammenfallen. Der Vater, Gott habe ihn selig«, beide schlugen ein Kreuz, »hat dir schon vormals erklärt, dass es hier keinen Gang zu den anderen Häusern gibt. Wenn du nicht achtsam bist, landest du noch in der Abortgrube der Nachbarn.«

Es war durchaus nichts Ungewöhnliches, dass es geheime unterirdische Gänge von Haus zu Haus gab, die man, wenn es nötig wurde, zur Flucht benutzen konnte. Manche endeten in der Kirche, andere führten unter der Stadtmauer hindurch.

»Ich suche keinen Gang!«, antwortete Anna missmutig.

»Was suchst du denn, wenn nicht einen Gang?«

»Ich suche das Goldene Kalb!« antwortete Anna mit

 

einem scharfen Unterton in der Stimme.

In Hofheim gibt es schon seit vielen Jahren, vielleicht auch schon seit vielen hundert Jahren, das Gerücht, in der Stadt sei ein Schatz vergraben. Es heißt, er sei in Kriegswirren in einem mittlerweile ausgangenen Hofheimer Kloster versteckt worden. Heute weiß kein Christenmensch mehr, wo dieses Kloster gestanden haben soll. Nur Anna behauptet immer wieder, es sei im Gänseck gewesen. Woher sie dies wusste, wer ihr dies weismachte, das wollte sie allerdings nie preisgeben. Eins der Geheimnisse mehr, das Anna mit sich trug. Vielleicht brachte sie ja auch ihren Taufstein mit dem Kloster in Verbindung. Der Schatz hat auch einen Namen. ›Das Goldene Kalb‹ wird er genannt. Wenn man die Augen offenhält, sieht man an manchen Stellen in den Hofheimer Kellern, wo jemand schon in früheren Zeiten nach dem Goldenen Kalb gegraben hatte. Man kann es daran erkennen, dass der Mörtel zwischen den Feldsteinen an diesen Stellen anders gefärbt ist. Oft liegen auch die herausgenommenen Steine nicht mehr in ihrem ursprünglich angestammten Muster.

»Nachts bellen unaufhörlich die Hunde und ich kann nicht schlafen«, erklärte Anna.

»Es sind die Hunde deiner Nachbarn. Hier im Eck hat doch jeder einen Hund!«, wusste Gred.

»Nein, nein, niemals war es das Bellen der Nachbarshunde, es klang ganz anders, lieblicher, gleichmäßiger, leiser, freundlicher«, Anna ließ sich nicht beirren. »Sie wollen mir sagen, dass ich nach dem Goldenen Kalb graben soll.«

 

Anna sprach von den beiden großen schwarzen Hunden, die in der Sage den Schatz bewachen mussten, bis eines Tages jemand kommen würde, der es verdiente den Schatz zu heben.

»Ausgerechnet du!«, feixte Grede. »Jedes Kind in Hofheim weiß, dass der Schatz drüben im Steppesberg liegt und nicht hier im Gänseck!«

»Warum nicht ich?«, schnappte Anna zurück. »Außerdem habe ich schon etwas gefunden!« Grede wurde neugierig.

»Was hast du denn für einen Schatz gefunden?«

Sollte Anna wirklich etwas gefunden haben, so würde es zu gleichen Teilen auch ihr gehören. Grede war bei ihrer Hochzeit aus dem Elternhaus ausgezogen. Da ihr Vater niemals über ein Testament verfügt hatte und nach der Mutter gestorben war, hatte sie die gleichen Ansprüche am Haus wie Anna.

»Weise mir einmal, was du gefunden hast!«, wiederholte Grede nun. Anna war schon auf dem Weg zur Schlafkammer, um ihren Schatz zu holen, den sie unter dem Haus herausgebuddelt hatte. Sie hatte etwas in ein Tuch gewickelt, das sie nun umständlich auspackte. Eigentlich wollte sie es niemandem zeigen, doch jetzt in den frühen Morgenstunden konnte sie es nicht mehr für sich behalten und machte für ihre Schwester eine Ausnahme. Anna hielt der Schwester eine steinerne Puppe entgegen. Grede konnte an der Figur kein Gesicht erkennen. Das einzige Attribut eines Gesichts war eine angedeutete Nase; Mund und Ohren fehlten gänzlich. Das Figürlein hatte einen dicken Bauch gleich einer schwangeren Frau, von den großen Brüsten gar zu schweigen. Auch das große Hinterteil und die dicken Beine machten es für Grede nicht hübscher.

 

»Und das soll der Schatz sein? Dass ich nicht lache«, machte sich Grede darüber lustig. Anna hielt die Figur schnell nach unten, als sie sah, wie Dreste Phillips, der Nachthirte, am Fenster vorbei ging.

Er hatte wohl wieder einmal die Nacht zu Hause anstatt auf der Weide verbracht. Solange nichts passierte, kein Abgang des Viehs zu beklagen war, konnte ihm keiner etwas anhaben. Wehe aber, wenn eine Kuh ausgerissen oder gestohlen wurde; in diesem Falle würde er bestraft werden und letztendlich auch für den Schaden geradestehen müssen.

»Es ist ein Schatz, es ist mein Schatz, meine Ambeth! Erkennst du sie nicht an ihrer göttlichen Figur?«

Grede, die noch nie so etwas Hässliches gesehen hatte, sah erst gar nicht mehr hin. Sie wusste, dass wenn sich ihre Schwester einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, man sie davon nicht mehr so schnell abbringen konnte.

»Wäre die Figur aus purem Gold, dann könnte ich dir ja zustimmen, aber solch ein hässliches Püppchen aus rotem Ton ist doch völlig ohne Wert«, setzte Grede weiter ihrer Schwester zu.

»Wenn ich wieder etwas mehr Weihwasser habe, werde ich sie noch etwas säubern«, ließ sich Anna nicht beirren und kratzte dabei an der Figur herum.

»Ich habe sie in meinem Heiligtum gebadet und vom Lehm befreit«, sagte Anna zu der etwas enttäuscht dreinblickenden Grede, die sich anschickte das Haus zu verlassen.

»Ich würde die Puppe mal dem Pfarrer zeigen. Das schreit ja zum Himmel«, sagte Grede und verließ ohne Gruß das Haus.

 

Die Schwestern ahnten nicht, dass Generationen der männlichen Linie Zolpp über diesen Schatz Bescheid wussten. Allerdings hatten sie keinen blassen Schimmer davon, um was es sich dabei handeln könnte. Das Wissen um den Schatz wurde immer vom Vater auf die Söhne weitergegeben. Es hieß, wer den Schatz zu heben versucht, der wird in der Manneslinie aussterben. Der Schatz selbst, sofern er gefunden wird, unweigerlich zerstört. Das war Grund genug die Finger davonzulassen. Annas und Gredes Vater, Johann Zolpp, hatte aber in jungen Jahren nach dem Schatz gegraben …

Für Anna war es kein Zufall, dass das alte Taufbecken ausgerechnet in ihrem Keller stand. Ihre Nase sagte ihr, dass der Fund ihrer göttlichen Figur auch kein bloßer Zufall sein konnte. Dabei konnte es sich nur um die Vorhut handeln, um die Hüterin und Wächterin des Goldenen Kalbs. Also buddelte Anna immer weiter, beseelt von dem Gedanken einstmals das Goldene Kalb zu finden.

Obwohl der Tag mittlerweile schon die fünfte Stunde hinter sich gebracht hatte, war Anna noch kein bisschen müde. Sie füllte am Brunnen im Hof einen Bottich mit Wasser und wusch das schmutzige Zinngeschirr ab. Immerhin, sie hatte welches, während die meisten ihrer Nachbarn von Holztellern oder gar aus der Tischmulde aßen. Anna sang ›Meerstern ich dich grüße …‹, als sie mit einer Kerze in der Hand die Kellertreppe hinunterstieg. Sie stellte diese wieder auf den Rand des Taufbeckens und begann mit einer Spitzhacke weiter nach dem Goldenen Kalb zu suchen. Der Lauscher an der Tür konnte hören, wie sie dabei immer wieder murmelte:

 

 

Nelken und Rosen,

Mäuse und Schwarten,

Flinten und Sabel,

Schaufel und Gabel,

Hechten und Karpfen,

Spaten und Karten,

Bitter und Sauer,

werf um die Mauer.

Der Capplan Wernher Bartholomäus hatte genug Zuträger in der Stadt, die mit üblem Maul ihre Mitmenschen verleumdeten. Immerzu wurde er damit belästigt, dass Nachbarn sich gegenseitig als Zauberer und der Hexerei zugetan bezichtigen. Manche gute Christenseele, die jeden Sonntag zum Gottesdienst ging, befand sich darunter. Besonders damit hervorgetan hatte sich auch die Ziegenanna, die wegen ihres bösen Mauls halben schon einmal am Pranger gestanden hatte. So mancher konnte es sich damals nicht verkneifen, sie im Vorübergehen heimlich anzuspucken und sie eine Hex zu heißen. Anna hatte all das nicht vergessen und wollte eines Tages dafür Rachtung nehmen. Einige wollten damals schon wissen, dass es mit der Anna einmal ein böses Ende nehmen würde.

 Anna ging in den Hirschen in der Hoffnung Lisa dort anzutreffen. So kam es dann auch. Lisa war alleine im Schankraum. Anna verlangte einen Krug Bier. Als vom Kirchturm der erste Schlag des Angelus ertönte – die Zeit hatte Anna mit Bedacht gewählt –, fiel sie sofort nieder auf ihre spinnendünne Knie und brummte grimmig vor sich hin.

 

»Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft …«

Mit einem ihrer roten Augen hatte sie Lisa dabei anvisiert und wartete, ob sie es ihr gleich täte. Lisa ahnte dabei nicht, dass sie einer Prüfung unterzogen wurde.

»Lisa, warum bist du nicht auf die Knie gangen?«, fragte Anna scheinheilig.

»Ich hatte zu tun«, sagte diese, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen.

Das hatte Anna überhaupt nicht gefallen. Etwas mehr Respekt hätte sie von dem jungen Ding schon erwartet.

»Wer den Engel des Herrn nicht betet, ist kein guter Christenmensch!«, grummelte die Alte und verließ ohne ihr Bier das Gasthaus wieder. Flugs rannte sie durch die Mauergasse ins Pfarrhaus, um Bericht zu erstatten. Dem neuen Capplan, Herrn Wernher Bartholomäus erzählte sie aufgeregt, was im Hirschen vorgefallen war.

»Als ich darnieder kniete, um den ›Engel des Herrn‹ zu beten, hatte Lisa den großen kuppernen Kessel gereinigt. Dabei hatte sie kein einzig Mal mit ihrer Hand ein Kreuz in den Kessel geputzt. Ich habe es genau beobachtet. Sie hat furderhin nur Kreise in den Kessel gerieben. Und Kreise sind Zeichen des Teufels.«

Während sie berichtete, schlug sie ununterbrochen ein Kreuzzeichen nach dem anderen. Vermutlich wollte sie damit dem Capplan ihre Frömmigkeit beweisen.

»Vielleicht hatte sie ja schon vorher ein Kreuz in den Kessel geputzt«, versuchte sie der Gottesmann zu beruhigen und schob sie dabei behutsam zur Tür hinaus.

*

 

Mittlerweile war Lisa zu einer hübschen jungen Frau herangewachsen. Eine wahre Augenweide. Alle jungen Burschen warfen ihr Blicke nach, wenn sie anmutig durch Hofheim ging. Nein, von gehen mag ich gar nicht sprechen. Lisa schwebte, wenn sie leichtfüßig durch Hofheim schritt.

Dem Sohn des Bäckers Wober fielen fast jedes Mal die Augen aus dem Kopf, wenn er ihr nachstierte. Schamlose machten anzügliche Bemerkungen. Lisa stieg dann die Schamesröte ins Gesicht, doch kümmerte sie sich nicht um das derbe Geschwätz. Ihr Vater allerdings passte auf wie ein Schießhund, damit ihr im Gasthaus keiner der Frechlinge zu nahe kam. Bei den Maiumzügen in der Walpurgisnacht stellten die jungen Burschen schon seit drei Jahren den schönsten Maibaum gen Betzels Haus. Anna bekam auch manchmal einen. Allerdings einen sehr Spröden, ausgemergelt Dünnen ohne Blätter; aber man sah es nicht gerne, wenn unerlaubt Holz aus dem Wald geholt wurde. Zu der Zeit achtete der Waldschützer Wolff Hertzog darauf, dass kein Reis von den Frevlern aus dem Wald geholt wird.

Auch unserem Herrn Ambtmann blieb nicht verborgen, dass Lisa sich zu einer zauberhaften jungen Frau entwickelt hatte. Wenn sie ihm unter die Augen kam, fing er gleich an zu sabbern. Seine Besuche im Hirschen häuften sich in letzter Zeit, im Gegenteil zu früher, wo er sich nicht mit Krethi und Plethi an einen Tisch setzte. Dafür gab es nur einen einzigen Grund. Des Betzels Töchterlein! Lisa war wahrlich von lieblicher Gestalt, die von langen, seidigen, rotblonden Haaren gekrönt wurde. Und ihre sanften Augen waren schöner als alle Glaskugeln dieser Welt. Wenn sie helle hin und her kullerten, leuchteten sie wie zwei himmlische Sterne, in die sicher

 

mancher junge Bursche gerne eingetaucht wäre. Alles an ihr war weich und zart: ihre Hände, die Wangen, ihre Stimme und auch ihr fröhliches, ansteckendes Lachen. – Man möge mir verzeihen, wenn ein alter Greis sich so huldvoll vor einem Mägdelein neigt. Doch es sei ein Schelm, der Böses dabei denkt.

Lisa war zu jedem Gast nett und freundlich. Besonders nett war sie allerdings zum Ambtmann, der ihr bei jedem Besuch ein stattliches Extrageld gab. In letzter Zeit aber benahm er sich seltsam. Lisa war dem Ambtmann eine Sünde wert. Ungeniert freite er um sie, redete zuckersüß daher und sie hatte Mühe sich seinen Avancen zu erwehren. Vermutlich hatte er Lisas Freundlichkeit falsch verstanden oder wollte sie falsch verstehen. Die Versuchung war groß und das Fleisch war schwach, als er eines Tages gar so weit ging, Lisa ins Sudhaus zu folgen, um sie dort in unflätiger Weise zu inkommodieren. Lisa hatte ihn zwar kommen sehen, aber es war schon zu spät, um die Tür des Sudhauses zu erreichen. Er erhaschte sie und versuchte sie gewaltsam zu küssen. Lisa schrie laut und schlug wild um sich, was man dem zerbrechlichen Wesen gar nicht zugetraut hätte. Der Vater hörte ihre Schreie und lief so schnell er konnte zum Ort des Geschehens. Inzwischen hatte der Ambtmann von Lisa abgelassen, doch Betzel erkannte sofort, was hier vorgefallen sein musste. Lisa lief ihrem Vater entgegen, warf sich ihm an den Hals und schluchzte zum Steinerweichen.

»Raus, dort zum Tor hinaus!«, schrie Betzel erzürnt, mit hochrotem Kopf den Ambtmann an und zeigte mit einer Hand Richtung Hoftor.

»Lasse Er sich hier nicht mehr blicken. Dort hat der

 

Zimmermann das Loch gelassen!«

Der Ambtmann aber grinste teuflisch.

»Ich kriege sie so oder so, ob sie will oder nicht!«, raunzte er wirsch und verließ den Hof. Betzel wunderte sich ob seiner Courage, den Ambtmann als Vertreter des Churfürsten so angelegentlich zu attackieren. Doch schließlich war er hier der Herr und hatte alle Freiheiten und Rechte, den sauberen Herrn Ambtmann von Haus und Hof zu verjagen. Besonders dann, wenn dieser seiner innig geliebten Tochter ein Haar krümmen wollte.