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Hoiffheim Ascensio Domini
1582 Merge Wolff, die Frau des Kirchendieners, traute
ihren Augen nicht, als sie die Münzen am Fußboden liegen sah. Drei goldene
Münzen lagen mitten im Flur auf dem Boden. Sie bückte sich und klaubte sie auf.
Die konnten doch nur ihrem Gemahl verloren gegangen sein und sie fragte sich,
wie er an die Goldmünzen gelangt war. Sicher, hin und wieder findet sich ein
Goldstück in Gottes Kasten, aber gleich derer Drei davon und dazu noch am Boden
liegend. Das kam ihr doch recht seltsam vor. Vielleicht hatte es damit zu tun,
dass ihr Mann sich in den letzten Tagen überhaupt recht merkwürdig verhalten
hatte. Immerzu wich er ihren Fragen aus, ignorierte sie einfach, so als sei sie
gar nicht vorhanden oder einfach Luft für ihn. Und in die Augen sah er ihr auch
nicht. Ihre Frage nach der eigentümlichen Figur, die er restauriert hatte, ließ
er ebenfalls unbeantwortet. Sie betrachtete die Münzen genau und stellte sich dabei vor,
was sie damit alles kaufen könnte. Es klopfte. Merge erschrak und schob die
Münzen schnell unter die Tischdecke. |
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Sie erstarrte. Ein Aufschrei blieb ihr im Halse stecken. Sie
stand wie gelähmt, den Mund weit geöffnet. Schwindel erfasste sie und sie kam
ins Taumeln, als sie versuchte die Eingangstür zu erreichen. Dort hing Caspar
am Glockenseil. Aufgehängt! An seinem Hemd steckte ein Zettel mit der
Aufschrift: ›Schuldig‹. Merge fasste sich ein Herz, umklammerte Caspars Beine
und versuchte seinen Körper, der sich noch ganz warm anfühlte, nach oben zu
drücken. Doch jedes Mal, wenn die Kräfte sie verließen und sie den Leichnam
loslassen musste, ertönte ein Glockenschlag. Sie ließ ihn sanft nach unten
gleiten, um in der Sakristei ein Messer zu holen. Als sie wieder zitternd auf
der Leiter stand, die auch Caspar benutzt hatte, entdeckte sie noch mehr der
goldenen Münzen am Boden liegen. Ihn abzuschneiden war aber hoffnungslos. Das
Messer war viel zu stumpf, da es lediglich dafür gedacht war, das übergetropfte
Wachs der Kerzen abzukratzen. Capplan Bartholomäus hörte die verunglückten, seltsamen
Glockengeräusche und machte sich sogleich auf, um dem Missstand auf den Grund
zu gehen. Er schlug ein Kreuz, als er sah, was sich in seiner Kirche abspielte.
»Was ist denn hier passiert?«, entfuhr es ihm, obzwar er beim
ersten Blick gleich erkannt hatte, was geschehen war. »Er ist heute Morgen schon früher als sonst in die Kirche und
nun hat er sich aufgehängt«, sagte Merge unter Tränen. »Warum nur? Warum ist er
schuldig? Woher kommt das viele Geld?« Üble Gedanken machten sich in Merges
Kopf breit. |
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»Dafür ist jetzt keine Zeit, wir müssen ihn schnellstens
abhängen, bevor die ersten Kirchenbesucher kommen. Außerdem«, fügte
Bartholomäus sehr gefasst hinzu, »müssen gleich die Glocken geläutet werden.« Beide machten sich nun gemeinsam ans Werk. Bestiegen die
Leiter und zusammen gelang es ihnen, den Leichnam Caspar Wolffs vom Seil
abzunehmen. Als sie ihn vorsichtig auf den Boden betteten, fielen noch
ein paar Münzen mehr aus den Taschen des Toten. Sie trugen ihn in die Sakristei
und legten ihn behutsam in den sich dort befindlichen Sarg, in dem wie gewohnt
die Toten während des Requiems in der Kirche aufgebahrt werden. Merge war zornig auf die Mächte des Himmels. Sie ergriff
hingegen einen Eimer und einen Lumpen, um den Boden, dort wo ihr Mann hing, zu
reinigen. Bartholomäus hatte längst die goldenen Dukaten als auch ein paar
römische Münzen aufgehoben, die an der Stelle umherlagen. Er staunte fürbass,
als er beim Opferstock noch mehr der Münzen umherliegen sah. Sie waren aus dem
überquellenden Gotteskasten mannigfaltig herausgefallen. Es waren die Gleichen,
wie Anna eine auf ihrem Totenbett in der Hand gehalten. Wie es zu der beiden Tod kam, habe ich, Johannes Jesser, hier in dieser Geschichte ausführlich uffgeschrieben. Zu ewger Gedächtnuß und zu aller Plaisier. Nicht nur Anna und der Küster hatten keinen natürlichen Heimgang. Es gab noch ein paar der Toten mehr. Ich schwöre bei allen Heiligen und bei meiner Ehre als Gerichtsschreiber, dass diese Geschichte rein der Wahrheit ist und ich nichts dazu erfunden habe. |
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Aber nun eines nach dem andern, so wie es sich
seiner Zeit zugetragen. |
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lauretanischen
Litaneien die Dämonen der Finsternis vertreiben, die schon seit Jahrhunderten,
ja wenn nicht gar seit Jahrtausenden, dort oben ihr Teufelsspiel mit den
Hofheimern trieben. Oh Maria hilf ! |
| Um für mich selbst zu sprechen, ich wollte mein Ambt als Stadt- und Gerichtsschreiber nicht verlieren. War deshalb den Stolbergern ganz und gar ergeben. Was hätte ich auch anderes machen sollen? Schließlich hatte ich vier Mäuler zu stopfen und ein Weib zu ernähren. Das war schon damals ein hartes Brot, doch die Stolberger zahlten nicht schlecht. Wir nennen ein kleines Häuschen unser Eigen, das von meinem Vater auf mich kommen ist. Eine Sau, ein paar Hühner und Gänse, das ist schon alles, was wir unseren Besitz nennen. Die Hühner und Gänse können wir nicht mehr nach draußen lassen, damit kein Nachbar in Versuchung geführt wird. Ich will mich nicht beschweren. Andere haben viel weniger oder haben gar nichts und hängen am Bettelstab. In all den Jahren haben die Nachbarn meine Hilfe gerne angenommen. Viele Schriftstücke habe ich für sie gefertigt, Eheverträge geschrieben, Testamente aufgesetzt; manches Mal gab es auch Verliebte, die mir ihren Text für einen Liebesbrief in die Feder diktierten; oder mir selbst die Worte überließen. In Hofheim gibt es zurzeit keine Schule. Weder die Stadt noch die Bürger konnten ihr Scherflein dazu beitragen, den Schulmeister Florian Buchwald zu bezahlen. Die nächsten Schulen befinden sich in Franckfurth oder Meenze. Manchmal brachte ich selbst den hiesigen Kindern das Lesen und Schreiben bei. Alles für ein paar Florentiner, sofern einer diese überhaupt hatte. Meistens waren es Knaben, die ich auch in Latein unterrichtete. Man muss ja selber sehen, wo man bleibt, in diesen schweren Zeiten. Viel habe ich durch meine Schreiberei erfahren. Viele persönliche Geschichten haben mir die Hofheimer anvertraut. Doch mittlerweile haben sich die Zeiten geändert. Kaum einer hat noch einen Pfennig, um meine Arbeit bezahlen zu können. Ahnungsvolle Schauer schleichen mir den Rücken herunter, wenn ich nur an die Zukunft denke. |
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Manche leiden Hunger, haben Angst vor der Not, suchen Trost
und Hilfe bei der Kirche. Doch die kirchliche Oberkeit und der Papst drohen mit
der Apokalypse und halten unsere Not für eine Strafe Gottes. Vieles ist uns
verboten. Selbst das Bücherlesen wird von der Oberkeit nicht gerne gesehen, vor
allem nicht, wenn es die Weiber tun. In Höchst wurde eine Frau mit Hieben
bestraft, da man sie beim Lesen vorgefunden. Jeder schwärzet den anderen bei
der Oberkeit an. Die Katholiken beklagen die Evangelischen und umgekehrt wegen
der Missernten, und man muss höllenartig aufpassen, dass man das Maul nicht gar
zu voll nimmt. Seit Jahren versucht die alte Meenzer Herrschaft bei uns in
Hofheim wieder Fuß zu fassen und streitet beständig mit unserem Grafe Ludwig.
Seit dem Frieden in Augsburg Anno 55 ist die Lage etwas komfortabler geworden.
Doch es hat schon noch ein paar Jahre gedauert, bis jeder Christenmensch wie
ehedem seinen rechten Glauben wieder ausüben konnte. |
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ob man es quer oder von oben nach unten liest. Ich sage gäntzlich ab der Römisch Lehr und Leben Luthero bis ins Grab will ich sein gantz ergeben Ich hasse und verspott die Mess und Ohrenbeicht Luthero sein Gebot ist mir gar Süs und Leicht Ich hass je mehr und
mehr all die das Papsttum lieben Die Lutherische Lehr hab
ich ins Hertz geschrieben Hinweg aus meinem Land all Römisch Priesterschaft was Lutherisch ist
verwand schütz ich mit aller Kraft wer Lutherisch lebt
und stirbt das Himmelreich soll Erben in Ewigkeit verdirbt wer
Römisch bleibt zum sterben. *** Die Abendsonne verschwand hinter dem Räuberberg.
Nebel lösten sich in der aufkommenden Nacht, in der sich manch graue Hoffnung
in schwarze Schatten verwandelt, die Geister hervorbringt und unter ihrem
geheimnisvollen Mantel das Böse gebiert und verdeckt. Etwas Geheimnisvolles
bahnte sich in jener dunklen Nacht im Gänseck an. Zuerst betrat die Amfrau Gred
Pfeiffer ihr Elternhaus. Anna, ihre Schwester, hatte sie schon erwartet und die
Tür einen Spalt offen gelassen. Sie kam wie verabredet, gleich, nachdem der
Nachtwächter bei seiner letzten Runde schlürfend das Gänseck verlassen hatte. |
| Gred hatte eine Kerze mitgebracht, die sie an einer brennenden von Anna anzündete. Annas Katze suchte das Weite, als die Kerze anfing zu flackern. Da Gred bei ihrem Eintritt die Tür ins Schloss fallen ließ, musste die Blumin an die Tür klopfen. Sie benutzte den beweglichen Ring, den ein an der Tür angebrachter eiserner Hundekopf im Maul hatte. Anna überhörte das leise Klopfen der Blumin. Sie war nicht gerade schwerhörig, doch man musste laut mit ihr reden, wenn man von ihr gehört werden wollte. Gred, die nur aus Haut und Knochen bestand, sprang auf und öffnete der Blumin die Tür. Für gewöhnlich trafen sich die drei Frauen nächtens einmal im Monat, mal bei der einen, mal bei der anderen. Da gewisse Gerüchte in letzter Zeit aber nicht verstummen wollten, hatte man die Treffen schon seit einigen Monden ausgesetzt. Heute war es eine Ausnahme. Es gab einen besonderen Grund, dass sie sich heute hier trafen. Die Blumin war am Morgen aus des Betzels Gasthaus geflogen. Eigentlich hatte sie doch nur ihre Medizin für Betzels kranke Tochter Lisa angeboten. Man muss wissen, die Blumin stellt ihre Medizin selbst her. Aus Kräutern, die sie in Wald und Feld sammelt. Auch aus Kräutern, die sie in ihrem Garten zum Wachsen bringt. Bisher hatte sich noch nie jemand über ihre selbst gebrauten Tinkturen beklagt. Doch heute Morgen im Gasthaus der Betzels. Eine Schande, ja Ehrabschneidung war das. Alle drei Frauen waren der Meinung, es musste etwas gegen den Bierbrauer und seine vermaledeite Brut unternommen werden. Auch die beiden Schwestern glaubten, dass es der Gründe genug gab, um gegen die Betzels vorzugehen. Anna forderte die Frauen auf, eine Kerze in die Hand zu nehmen und ihr ins Wohnzimmer zu folgen. So taten sie es und folgten Anna hinterdrein. Es sah so gespenstig aus, als würden die Nachtvahren selbst eine Prozession abhalten. |
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Vorneweg die vom Leben gezeichnete Anna, deren krummer Buckel
schon viele Kreuze getragen hat. Wie immer hatte sie ihr blaues Kopftuch auf
dem Haupt, dass sie auch innerhalb ihrer vier Wände niemals absetzte. In der
faltigen knöchernen Hand die Kerze, die auszugehen drohte, als sich ein
Nasentropfen selbstständig machte und auf den Docht fiel. Sie knickte kaum merklich
in der Hüfte, und war trotz aller körperlicher Gebrechen flink wie ein Wiesel,
wenn sie des Tags durch die Stadt huschte. Ihr folgte Gred, ihre Schwester, die
hager und dürr daher kam. Die stolze Frau ging kerzengrade und trug den Kopf
immer etwas höher als andere Leute. Sei’s drum, dass sie sich als Amfrau
unentbehrlich wusste. Seit dem Tod ihres Mannes vor ein paar Jahren ging sie
immer schwarz gekleidet. Und auch heute sah sie von allen Dreien am
feierlichsten aus. Zuletzt betrat die Blumin Annas Küche. Die Kräuterfrau war
noch etwas kleiner als Anna, dafür aber doppelt so breit wie die Gred. Ihre
freundlichen Augen strahlten im Kerzenlicht und man sah ihr an, dass Sie den
beiden Schwestern dankbar war, die sich gegen die Betzels auf ihre Seite schlugen.
Auch sie hatte ihre Alltagsschürze ausgezogen und war in den blauweiß
gestreiften kartunenen Rock gestiegen, den sie sonst nur am Tag des Herrn zu
tragen pflegte. Die drei wähnten sich alleine, doch auch in Hofheim hatte die
Nacht Augen und Ohren. |
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Zudem hatte ihre Mutter von jeher für sie ein Gedeck mehr
aufgelegt. Es sind die Geister, die nachts umherschwirren, Menschenschicksale
bestimmen und dafür ihren Tribut erwarten. Auch wenn es verboten war, für Gred
und die Blumin war das Auflegen eines zusätzlichen Gedecks nichts
Ungewöhnliches. Sie wussten, dass Anna für ihre geliebte heilige Mutter Ambeth,
die schon seit mehr als tausend Jahren oben auf dem Räuberberg trohnte und das
Schicksal der Hofheimer bestimmte, ein Gedeck mehr auflegte. Gred und die
Blumin taten es ihr gleich. Die Blumin allerdings nur an Weihnacht und in den
Raunächten. Ich weiß es genau! Meine Mutter und meine Großmutter
haben das auch vollführt. Sie waren gut Freund mit der Blumin und ihrer Mutter.
Ob sie es von ihnen übernommen haben? Das glaube ich nicht. Jeder macht das
hier in den Raunächten. Es war schon immer so. Zwischen Weihnacht und Dreikönig
werden noch ganz andere Sachen praktiziert. Der ehemalige Pfarrer sagte immer,
es sei alles Hokuspokus. Der wusste es am besten, denn er hörte von den
Unsitten im Beichtstuhl. Jahr für Jahr schimpfte er von der Kanzel, kein Los zu
werfen und nicht zu orakeln. Keiner gab es zu, aber alle tun es. Schließlich
will doch ein jeder wissen, wie das kommende Jahr wird. Manchmal enden solche
Sachen schon vor Gericht. Wenn Nachbarn einem Böses wollen. Ich kann ein Lied
davon singen. Viel dererlei habe ich bei Gericht erlebt. Da wird fleißig
schmutzige Wäsche gewaschen. Beileibe nicht in den Raunächten. Gott behüte. Da
wird überhaupt nicht gewaschen. Das bringt Unglück, wenn die Wäsche zwischen
den Jahren zum Trocknen aufgehängt wird. |
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Nein, ich war nicht bei Gericht angeklagt; ich war dessen
Schreiber. Viele Jahre habe ich für Stadt und Gericht geschrieben. War immer
neutral, ob als Stadt- oder als Gerichtsschreiber. Habe nichts geschönt und war
immer verschwiegen. Noch heute kommen die Nachbarn zu mir, um mich um Rath zu
fragen und um ihr Herz bei mir auszuschütten. Deshalb erfahre ich viel, über
die Leute in der Stadt, oft mehr als der Schultheiß und der Pfarrer. Ich rede
nicht darob, ich notiere mir alles auf. Warum? Hab ein Leben lang geschrieben,
kann gar nicht anders, bin Schreiber mit Leib und Seele, bis zum letzten
Federstrich. Wird nicht mehr lange hin sein, bis die Augen verdorben sind. Die Pfeiffers Greden, deren Ehe ohne Nachkommen blieb, deckt
ihren Tisch am Sterbetag ihres Mannes mit drei Gedecken. Zusätzlich eins für
ihn und die Nachtvahre, falls sie kommen sollte und Hunger hat. Er ist damals
in Betzels Eiskeller umkommen. Betzel fand ihn tot im blutgetränkten Eis. Sagt,
Pfeiffer hätte Bier stehlen wollen, dabei sei er ausgerutscht und hat sich an
der zerbrochenen Flasche aufgeschlitzt. Gred glaubt ihm nicht, sagt, er sei ein
Lügner. Seit diesem Tag hadert sie mit dem Betzel und gibt ihm die Schuld am
Tod ihres Mannes. Sie hat ihn damals als Mordbube angeklagt, aber kein Recht
erhalten. |
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Nun war die Gelegenheit da, dafür Rachtung zu
nehmen. Anna und die Blumin sind alte, knöcherne Jungfern, Betschwestern, die
sich auch nicht in der Blüte ihrer Jugend um ein Mannsbild gekümmert hatten.
Mir wurde auch nie bekannt, dass es in Hofheim je ein Mannsbild gab, der um
eine der beiden Frauen gefreit hätte. Mittlerweile hatten sie Platz genommen und nahmen,
so wie sie es auch sonst immer taten, ein Mahl zu sich. Diesmal fiel es üppiger
aus als sonst. Der Geruch von Schweiß und Alter, vom Essensgeruch überdeckt,
kroch durch das Haus. »Von wem stammt denn der gute Schmaus?«, fragte die Blumin
schmatzend. |
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selbst zu kompromittieren,
nichts oder nur verstockt etwas über die Blumin preisgaben. Es waren auch
einige Frauen von Hofheimer Schöffen darunter, vor allem aber auch die Frau des
Schultheißen. Man glaubte damals, das sei der Grund gewesen, warum das
Verfahren – wegen Umtriebe im Zusammenhang mit Hexerei – kurzerhand eingestellt
wurde. Die alte Blumin wurde von Wenndel mit Hausarrest belegt, was nichts
anderes bedeutete, als dass sie Hofheim nicht verlassen durfte. Etwa bei
Ambtsantritt des lutherischen Pastors Meister Adam Tamiandus wurde der
Hausarrest wieder aufgehoben. Anna hatte einen einzigen wichtigen Grund, den Betzels einen
Schaden zuzufügen. Sie stand gewissermaßen, was die Hexerei betraf, bei den
Bürgern und Nachbarn unter Dauerverdacht. Kein Wunder bei ihrem hämischen
Verhalten. Sie hatte Höllenangst davor, man könnte sie selbst für eine Hexe
halten. Da war es schon besser, wenn man Lisa für eine solche hielt. Im
Frühsommer anno 1569 wurde in Hoichheim eine ihrer weitläufigen Verwandten
einem peinlichen Verhör unterzogen. Allein wenn Anna nur daran dachte, lief ihr
ein kalter Schauer über den Rücken. Sie wollte sich nicht mit auf dem Rücken
zusammengebundenen Händen schwebend hochziehen lassen oder gar mit dem
spanischen Reiter Bekanntschaft machen. |
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würde man schon einen Schuldigen in der Stadt finden, der
seinen Kopf dafür hinhalten muss. Zu viele der Gerüchte, die umgingen, kamen
auf sie. Allein aus diesem Grunde hatte sie sich seit einiger Zeit nicht mehr
mit der Blumin und auch nur sehr selten mit ihrer Schwester getroffen. Zudem
diese ja auch noch in die Sache mit einem Kindstod verstrickt war. Auf keinen
Fall wollte sich Anna als Hexe brennen lassen. Und um das zu verhindern, war
ihr jedes Mittel recht. Gab es denn nicht schon genug Gründe, die Betzeln für
eine Hexe zu halten? Lisa war nicht besonders fromm. Sie war außergewöhnlich
schön, hatte rötliche Haare und ein Kainsmal ließ sich sicher auch noch
irgendwo am Körper finden. Im Gegensatz zu den armseligen Äckern der Bauern
brachten Betzels Felder im Hopfengarten reiche Ernten hervor. Das waren Gründe
genug, um ein Verfahren zu eröffnen, und wenn das nicht langte, konnte man ja
noch ein paar mehr erfinden. In anderen Landen war manch Weib mit weniger
Gründen und Beweistum als Hexe gebrandmarkt worden. Lisa hatte sie sich als
Opfer ausgesucht und zudem wusste sie den Ambtmann auf ihrer Seite. Es war eine beschlossene Sach, Lisa, des Betzels Töchterlein, dem Gericht zuzuführen. Anna stand auf und bat die anderen, ihr mit Kerzenlicht in den Keller zu folgen. Sie öffnete die Kellertür und sogleich kam ihnen ein übler Gestank entgegen. Gred bemerkte sofort, dass der Gestank viel ekelhafter als sonst war. Der übliche Kellermuff und Ziegengestank – Anna hielt ihre Viecher den Winter über im Haus – vermischte sich noch mit dem Geruch von feuchter Erde. Anna hatte in ihrem Keller den Taufstein aus der Sankt Peter und Paul |
vorgegangenen Kirche stehen.
Davon wissen nur die wenigsten Leute in Hofheim, und ich schwöre Stein und
Bein, das alte Taufbecken dort einmal gesehen zu haben. Es war bei einem Gerichtstermin,
einer Katastersache, bei der ich das Protokoll zu führen hatte. Es könnte gut
und gerne aus dem siebenten oder achten Jahrhundert stammen. Anna behauptet, es
sei ewig in ihrem Keller gestanden. Irgendwie muss es ja einmal dort
hingekommen sein. Ich glaube, dass Anna einen Messner als Vorvater in ihren
Reihen gehabt hatte, der den Stein ins Haus brachte, als das neue Taufbecken in
St. Peter installiert wurde. |
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links und rechts, die von Gred und Margaretha ergriffen
wurden. Nun forderte sie die beiden auf, ihr nachzusprechen: »Heiliger Erzengel
Michael, heiliger Petrus, alle Cherubim und Serafim …« Die beiden anderen
Frauen sprachen Annas Worte nach: »Heiliger Erzengel Michael, heiliger Petrus, alle Cherubim
und Serafim, steht uns bei in unserem Kampf, das Malefiztum in Hofheim im Keim
zu ersticken. Keine Hex soll jemals in Hofheim ihr Teufelswerk verrichten. Kein
Zauberey soll den Teufeln hie in unserem Städtchen gelingen. Wir werden mit all
unserer Kraft und Macht, die uns der Heiland geben, die Augen offen halten und
die Augen der Nachbarn öffnen, die Machenschaften dieser Satansbrut zu verhindern.«
Um diesen Komplott, der sich ausschließlich gegen Lisa Betzel
richtete, auf sichere Füße zu stellen, brachte Anna die Ambeth ins Spiel. Ihr
schenkte sie, wie jeder hier in Hofheim wusste, ein großes Vertrauen. Du unsere Mutter hast uns geboren, dafür lieben wir dich! Du unsere Erde, Sonne und Mond, Freude und Leid.
Du unsere Natur, von der wir leben, Salz und Brot. Du unsere Quelle an der wir uns laben, immer und ewiglich.
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»Du hast uns vor Kriegsnöthen und der Pestilenzia
bewahret. Trete ein in unseren Pakt gegen Malefiztum und lasterhafte Zauberey
in unserem Hofheimer Ländchen.« Während die anderen beiden ihr noch den letzten Satz
nachsprachen, spürte sie, wie etwas über ihre Füße huschte, was ihr aber nichts
weiter ausmachte. Als sie nach oben gingen, machte sich der Tag mit neuem Licht
bemerkbar. Die Blumin ließ die beiden Schwestern zurück und machte sich rasch
auf den Heimweg. Anna wusste nur zu genau, was nun passieren würde. Ihre um
zwei Jahre jüngere Schwester, würde sie gleich mit heftigen Vorwürfen
traktieren. Kaum dass sie den Gedanken zu Ende gedacht hatte, legte Gred los. »Hast du schon wieder im Keller gebuddelt? Das Haus wird dir
noch einmal über dem Kopf zusammenfallen. Der Vater, Gott habe ihn selig«,
beide schlugen ein Kreuz, »hat dir schon vormals erklärt, dass es hier keinen
Gang zu den anderen Häusern gibt. Wenn du nicht achtsam bist, landest du noch
in der Abortgrube der Nachbarn.« Es war durchaus nichts Ungewöhnliches, dass es geheime
unterirdische Gänge von Haus zu Haus gab, die man, wenn es nötig wurde, zur
Flucht benutzen konnte. Manche endeten in der Kirche, andere führten unter der
Stadtmauer hindurch. »Ich suche keinen Gang!«, antwortete Anna missmutig. »Was suchst du denn, wenn nicht einen Gang?« |
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einem scharfen Unterton in der Stimme. In Hofheim gibt es schon seit vielen Jahren,
vielleicht auch schon seit vielen hundert Jahren, das Gerücht, in der Stadt sei
ein Schatz vergraben. Es heißt, er sei in Kriegswirren in einem mittlerweile
ausgangenen Hofheimer Kloster versteckt worden. Heute weiß kein Christenmensch
mehr, wo dieses Kloster gestanden haben soll. Nur Anna behauptet immer wieder,
es sei im Gänseck gewesen. Woher sie dies wusste, wer ihr dies weismachte, das
wollte sie allerdings nie preisgeben. Eins der Geheimnisse mehr, das Anna mit
sich trug. Vielleicht brachte sie ja auch ihren Taufstein mit dem Kloster in
Verbindung. Der Schatz hat auch einen Namen. ›Das Goldene Kalb‹ wird er
genannt. Wenn man die Augen offenhält, sieht man an manchen Stellen in den
Hofheimer Kellern, wo jemand schon in früheren Zeiten nach dem Goldenen Kalb
gegraben hatte. Man kann es daran erkennen, dass der Mörtel zwischen den
Feldsteinen an diesen Stellen anders gefärbt ist. Oft liegen auch die
herausgenommenen Steine nicht mehr in ihrem ursprünglich angestammten Muster. »Nachts bellen unaufhörlich die Hunde und ich kann
nicht schlafen«, erklärte Anna. »Es sind die Hunde deiner Nachbarn. Hier im Eck hat doch
jeder einen Hund!«, wusste Gred. »Nein, nein, niemals war es das Bellen der Nachbarshunde, es
klang ganz anders, lieblicher, gleichmäßiger, leiser, freundlicher«, Anna ließ
sich nicht beirren. »Sie wollen mir sagen, dass ich nach dem Goldenen Kalb
graben soll.« |
| Anna
sprach von den beiden großen schwarzen Hunden, die in der Sage
den Schatz bewachen mussten, bis eines Tages jemand kommen würde, der es
verdiente den Schatz zu heben. »Ausgerechnet du!«, feixte Grede. »Jedes Kind in Hofheim
weiß, dass der Schatz drüben im Steppesberg liegt und nicht hier im Gänseck!« »Warum nicht ich?«, schnappte Anna zurück. »Außerdem habe ich
schon etwas gefunden!« Grede wurde neugierig. »Was hast du denn für einen Schatz gefunden?« Sollte Anna wirklich etwas gefunden haben, so würde es zu
gleichen Teilen auch ihr gehören. Grede war bei ihrer Hochzeit aus dem
Elternhaus ausgezogen. Da ihr Vater niemals über ein Testament verfügt hatte
und nach der Mutter gestorben war, hatte sie die gleichen Ansprüche am Haus wie
Anna. »Weise mir einmal, was du
gefunden hast!«, wiederholte Grede nun. Anna war schon auf dem Weg zur
Schlafkammer, um ihren Schatz zu holen, den sie unter dem Haus herausgebuddelt
hatte. Sie hatte etwas in ein Tuch gewickelt, das sie nun umständlich
auspackte. Eigentlich wollte sie es niemandem zeigen, doch jetzt in den frühen
Morgenstunden konnte sie es nicht mehr für sich behalten und machte für ihre
Schwester eine Ausnahme. Anna hielt der Schwester eine steinerne Puppe
entgegen. Grede konnte an der Figur kein Gesicht erkennen. Das einzige Attribut
eines Gesichts war eine angedeutete Nase; Mund und Ohren fehlten gänzlich. Das
Figürlein hatte einen dicken Bauch gleich einer schwangeren Frau, von den
großen Brüsten gar zu schweigen. Auch das große Hinterteil und die dicken Beine
machten es für Grede nicht hübscher. |
| »Und das soll der Schatz sein?
Dass ich nicht lache«, machte sich Grede darüber lustig. Anna hielt die
Figur schnell nach unten, als sie sah, wie Dreste Phillips, der Nachthirte, am
Fenster vorbei ging. Er hatte wohl wieder einmal die Nacht zu Hause anstatt auf
der Weide verbracht. Solange nichts passierte, kein Abgang des Viehs zu
beklagen war, konnte ihm keiner etwas anhaben. Wehe aber, wenn eine Kuh
ausgerissen oder gestohlen wurde; in diesem Falle würde er bestraft werden und
letztendlich auch für den Schaden geradestehen müssen. »Es ist ein Schatz, es ist mein Schatz, meine Ambeth!
Erkennst du sie nicht an ihrer göttlichen Figur?« Grede, die noch nie so etwas Hässliches gesehen hatte, sah
erst gar nicht mehr hin. Sie wusste, dass wenn sich ihre Schwester einmal etwas
in den Kopf gesetzt hatte, man sie davon nicht mehr so schnell abbringen
konnte. »Wäre die Figur aus purem Gold, dann könnte ich dir ja
zustimmen, aber solch ein hässliches Püppchen aus rotem Ton ist doch völlig
ohne Wert«, setzte Grede weiter ihrer Schwester zu. »Wenn ich wieder etwas mehr Weihwasser habe, werde ich sie
noch etwas säubern«, ließ sich Anna nicht beirren und kratzte dabei an der
Figur herum. »Ich habe sie in meinem Heiligtum gebadet und vom Lehm
befreit«, sagte Anna zu der etwas enttäuscht dreinblickenden Grede, die sich anschickte
das Haus zu verlassen. »Ich würde die Puppe mal
dem Pfarrer zeigen. Das schreit ja zum Himmel«, sagte Grede und verließ ohne
Gruß das Haus. |
| Die Schwestern ahnten nicht,
dass Generationen der männlichen Linie Zolpp über diesen Schatz Bescheid wussten. Allerdings hatten sie keinen blassen Schimmer
davon, um was es sich dabei handeln könnte. Das Wissen um den Schatz wurde
immer vom Vater auf die Söhne weitergegeben. Es hieß, wer den Schatz zu heben
versucht, der wird in der Manneslinie aussterben. Der Schatz selbst, sofern er
gefunden wird, unweigerlich zerstört. Das war Grund genug die Finger
davonzulassen. Annas und Gredes Vater, Johann Zolpp, hatte aber in jungen
Jahren nach dem Schatz gegraben … Für Anna war es kein Zufall, dass das alte Taufbecken
ausgerechnet in ihrem Keller stand. Ihre Nase sagte ihr, dass der Fund ihrer
göttlichen Figur auch kein bloßer Zufall sein konnte. Dabei konnte es sich nur
um die Vorhut handeln, um die Hüterin und Wächterin des Goldenen Kalbs. Also
buddelte Anna immer weiter, beseelt von dem Gedanken einstmals das Goldene Kalb
zu finden. Obwohl der Tag mittlerweile schon die fünfte Stunde hinter
sich gebracht hatte, war Anna noch kein bisschen müde. Sie füllte am Brunnen im
Hof einen Bottich mit Wasser und wusch das schmutzige Zinngeschirr ab.
Immerhin, sie hatte welches, während die meisten ihrer Nachbarn von Holztellern
oder gar aus der Tischmulde aßen. Anna sang ›Meerstern ich dich grüße …‹, als
sie mit einer Kerze in der Hand die Kellertreppe hinunterstieg. Sie stellte
diese wieder auf den Rand des Taufbeckens und begann mit einer Spitzhacke
weiter nach dem Goldenen Kalb zu suchen. Der Lauscher an der Tür konnte hören,
wie sie dabei immer wieder murmelte: |
Nelken und Rosen, Mäuse und Schwarten, Flinten und Sabel, Schaufel und Gabel, Hechten und Karpfen, Spaten und Karten, Bitter und Sauer, werf um die Mauer. Der Capplan Wernher Bartholomäus hatte genug Zuträger
in der Stadt, die mit üblem Maul ihre Mitmenschen verleumdeten. Immerzu wurde
er damit belästigt, dass Nachbarn sich gegenseitig als Zauberer und der Hexerei
zugetan bezichtigen. Manche gute Christenseele, die jeden Sonntag zum
Gottesdienst ging, befand sich darunter. Besonders damit hervorgetan hatte sich
auch die Ziegenanna, die wegen ihres bösen Mauls halben schon einmal am Pranger
gestanden hatte. So mancher konnte es sich damals nicht verkneifen, sie im
Vorübergehen heimlich anzuspucken und sie eine Hex zu heißen. Anna hatte all
das nicht vergessen und wollte eines Tages dafür Rachtung nehmen. Einige wollten
damals schon wissen, dass es mit der Anna einmal ein böses Ende nehmen würde. |
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»Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft …« Mit einem ihrer roten Augen hatte sie Lisa dabei anvisiert
und wartete, ob sie es ihr gleich täte. Lisa ahnte dabei nicht, dass sie einer
Prüfung unterzogen wurde. »Lisa, warum bist du nicht auf die Knie gangen?«, fragte Anna
scheinheilig. »Ich hatte zu tun«, sagte diese, ohne ihre Arbeit zu
unterbrechen. Das hatte Anna überhaupt nicht gefallen. Etwas mehr Respekt
hätte sie von dem jungen Ding schon erwartet. »Wer den Engel des Herrn nicht betet, ist kein guter
Christenmensch!«, grummelte die Alte und verließ ohne ihr Bier das Gasthaus
wieder. Flugs rannte sie durch die Mauergasse ins Pfarrhaus, um Bericht zu
erstatten. Dem neuen Capplan, Herrn Wernher Bartholomäus erzählte sie
aufgeregt, was im Hirschen vorgefallen war. »Als ich darnieder kniete, um den ›Engel des Herrn‹ zu beten,
hatte Lisa den großen kuppernen Kessel gereinigt. Dabei hatte sie kein einzig
Mal mit ihrer Hand ein Kreuz in den Kessel geputzt. Ich habe es genau
beobachtet. Sie hat furderhin nur Kreise in den Kessel gerieben. Und Kreise
sind Zeichen des Teufels.« Während sie berichtete, schlug sie ununterbrochen ein
Kreuzzeichen nach dem anderen. Vermutlich wollte sie damit dem Capplan ihre
Frömmigkeit beweisen. »Vielleicht hatte sie ja schon vorher ein Kreuz in den Kessel
geputzt«, versuchte sie der Gottesmann zu beruhigen und schob sie dabei
behutsam zur Tür hinaus. * |
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Mittlerweile war Lisa zu einer hübschen jungen Frau
herangewachsen. Eine wahre Augenweide. Alle jungen Burschen warfen ihr Blicke
nach, wenn sie anmutig durch Hofheim ging. Nein, von gehen mag ich gar nicht
sprechen. Lisa schwebte, wenn sie leichtfüßig durch Hofheim schritt. Dem Sohn des Bäckers Wober fielen fast jedes Mal die Augen
aus dem Kopf, wenn er ihr nachstierte. Schamlose machten anzügliche
Bemerkungen. Lisa stieg dann die Schamesröte ins Gesicht, doch kümmerte sie
sich nicht um das derbe Geschwätz. Ihr Vater allerdings passte auf wie ein
Schießhund, damit ihr im Gasthaus keiner der Frechlinge zu nahe kam. Bei den
Maiumzügen in der Walpurgisnacht stellten die jungen Burschen schon seit drei
Jahren den schönsten Maibaum gen Betzels Haus. Anna bekam auch manchmal einen.
Allerdings einen sehr Spröden, ausgemergelt Dünnen ohne Blätter; aber man sah
es nicht gerne, wenn unerlaubt Holz aus dem Wald geholt wurde. Zu der Zeit
achtete der Waldschützer Wolff Hertzog darauf, dass kein Reis von den Frevlern
aus dem Wald geholt wird. |
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mancher junge Bursche gerne
eingetaucht wäre. Alles an ihr war weich
und zart: ihre Hände, die Wangen, ihre Stimme und auch ihr fröhliches,
ansteckendes Lachen. – Man möge mir verzeihen, wenn ein alter Greis sich so
huldvoll vor einem Mägdelein neigt. Doch es sei ein Schelm, der Böses dabei
denkt. Lisa war zu jedem Gast nett und freundlich. Besonders nett
war sie allerdings zum Ambtmann, der ihr bei jedem Besuch ein stattliches
Extrageld gab. In letzter Zeit aber benahm er sich seltsam. Lisa war dem
Ambtmann eine Sünde wert. Ungeniert freite er um sie, redete zuckersüß daher
und sie hatte Mühe sich seinen Avancen zu erwehren. Vermutlich hatte er Lisas
Freundlichkeit falsch verstanden oder wollte sie falsch verstehen. Die
Versuchung war groß und das Fleisch war schwach, als er eines Tages gar so weit
ging, Lisa ins Sudhaus zu folgen, um sie dort in unflätiger Weise zu
inkommodieren. Lisa hatte ihn zwar kommen sehen, aber es war schon zu spät, um
die Tür des Sudhauses zu erreichen. Er erhaschte sie und versuchte sie
gewaltsam zu küssen. Lisa schrie laut und schlug wild um sich, was man dem
zerbrechlichen Wesen gar nicht zugetraut hätte. Der Vater hörte ihre Schreie
und lief so schnell er konnte zum Ort des Geschehens. Inzwischen hatte der
Ambtmann von Lisa abgelassen, doch Betzel erkannte sofort, was hier vorgefallen
sein musste. Lisa lief ihrem Vater entgegen, warf sich ihm an den Hals und
schluchzte zum Steinerweichen. »Raus, dort zum Tor hinaus!«, schrie Betzel erzürnt, mit
hochrotem Kopf den Ambtmann an und zeigte mit einer Hand Richtung Hoftor. |
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Zimmermann das Loch gelassen!« Der Ambtmann aber grinste
teuflisch. »Ich kriege sie so oder so, ob sie will oder nicht!«, raunzte
er wirsch und verließ den Hof. Betzel wunderte sich ob seiner Courage, den
Ambtmann als Vertreter des Churfürsten so angelegentlich zu attackieren. Doch
schließlich war er hier der Herr und hatte alle Freiheiten und Rechte, den
sauberen Herrn Ambtmann von Haus und Hof zu verjagen. Besonders dann, wenn
dieser seiner innig geliebten Tochter ein Haar krümmen wollte. |