Altheilige Orte und Spuren altheidnischer Verehrung der Göttin Holle oder Hulle im oberen Vogelsberge

Ein Beitrag zur Siedlungsgeschichte unserer Heimat von H. Zinn, Pfarrer in Pfungstadt

Pfungstadt 1926 / Selbstverlag des Verfassers

Die früher allgemeine Annahme, daß der obere Vogelsberg, insbesondere der Strich von Laubach und Grünberg bis Herbstein, in vorgeschichtlicher Zeit noch keine festen Ansiedlungen gehabt habe, ist durch archäologische Funde und Forschungen der neueren Zeit endgültig widerlegt worden. So wurden prähistorische Siedlungen, Brandgräber, (Stein- und Erdhügel), Reihengräber und altheidnische Kult- und Opferplätze rings um das Zentrum und auf dem Ostplateau des Vogelsberges festgestellt bei Schotten, Altenschlirf, Herbstein, Ulrichstein, Dirlammen, Meiches, Köddingen und an anderen Orten. Insbesondere die Zahl, Größe und Anordnung der Grabhügel und Reihengräber und die darin vorgefundenen Gegenstände nötigen zu der Annahme, daß dort in der Bronzezeit sich in geringen Abständen zahlreiche Siedlungen, Einzelhöfe und Dorfschaften, vorfanden. Aber auch das eigentliche Oberwaldgebiet hat zweifellos in der Bronzezeit seine festen Siedlungen gehabt. Als Beweismittel liegen vor mir auf meinem Schreibtische zwei massive bronzene Armringe von beträchtlichem Gewicht und ein bronzener Halsring, welche mit eingravierten und, was den Halsring angeht, mit erhabenen Kringeln verziert sind, die in Gruppen von je drei und vier die Ringe umgeben. Sie fand, wie ich zufällig erfuhr, ein Bauer von Kölzenhain zwischen Kölzenhain und dem Petershainer Hof, also im Zentrum des Vogelsberges bei Ulrichstein und der Feldkrückerhöhe, mit Topfscherben und Branderde beim Wegräumen eines alten, länglichen Steinhügels. Es sollen viele solcher Hügel ehemals dort gewesen sein. Die gemachten Funde seien in Unkenntnis verschleudert und zerstört worden. Im zerstören altehrwürdiger Dokumente der Vorzeit ist der Unverstand von jeher groß gewesen. Als vor längeren Jahren in meiner ehemaligen Filialgemeinde Lanzenhain ein Bauer von seinem am Ellersberge, in der Nähe der ausgegangenen Ortschaft Ellrichs, gelegenen Grundstücke mir einen interessanten alten Stein holen wollte, den er tags zuvor dort in der Erde fand und den ich nach seiner Beschreibung als uralte Handmühle erkannte, konnte er mir nur noch die Bruchstücke eines wirklichen alten Mahlsteines bringen, der dadurch interessant war, daß er einen gebogenen und scharfkantigen Rücken hatte, also nur durch Einstecken in die Erde benutzbar war. Ein Weidjunge, der den merkwürdigen Stein inzwischen hatte liegen sehen, wußte nichts Besseres zu tun, als daran seine Kraft zu erproben und ihn zu zerschlagen. Wie viele wertvolle, unersetzliche Urkunden vorgeschichtlicher Zeit mögen so je und je von rohem Unverstand vernichtet worden sein, und wie viele mögen noch in der Erde ruhen! Aber wer Augen dafür hat, kann noch manches finden. So fand ein alter, von mir für Altertümer interessierter Mann aus Lanzenhain beim Viehhüten am Geißelstein in einem Wassergraben ein von Menschenhand bearbeitetes feuersteinartiges Steinchen, das ich als eine behauene, nicht geschliffene, also aus der älteren Steinzeit stammende Pfeilspitze erkannte. Dieser Fund, den auch seinerzeit Herr Professor Anther als echt erkannte, ist interessant wegen des Ortes wo er sich fand. Der Fund an diesem Orte beweißt, daß der hohe Vogelsberg schon vor vielen tausend Jahren, in der ältesten Steinzeit, seine Bewohner hatte, die in den wildreichen Jagdgründen des Oberwaldes als Jäger mit Bogen und Pfeil ihre Beute suchten. Wie ein Heiligtum bewahrte ich diese Pfeilspitze. Ist sie doch, so weit ich sehe, das älteste bis jetzt gefundene Zeugnis menschlichen Daseins im hohen Vogelsberg.

Zu den archäologischen Urkunden der Vorzeit, die der Schoß der Erde uns aufbewahrte, gesellen sich in unserem Gebiete nun zahlreiche Berg- und Waldorte von so altertümlicher Physiognomie und mit Namen so altertümlichen und bedeutsamen gepräges, daß sie, zusammengehalten mit altüberlieferten, an diesen Orten spielenden Sagen unverkennbar heidnisch-mythologischen Ursprungs und mit vielen dort noch im Volke lebendigen abergläubischen Vorstellungen und damit zusammenhängenden Redensarten, Sitten und Gebräuchen als wertvolle Zeugnisse des vorgeschichtlichen Geisteslebens unserer Vorfahren betrachtet werden müssen. In manchen dieser Örtlichkeiten, wie zum Beispiel am "Wildfrauenhaus" bei Eschenrod und am "Teufelskopf" zwischen Köddingen und Ulrichstein verraten noch deutlich ihr Name und ihre äußere Gestalt, daß sie von Menschenhand hergerichtete, zweifellos zu Kultzwecken dienende Anhöhen gewesen sind (vgl. Archiv für hessische Geschichte und Altertümer, Bd. X, S.219 f. und 273). In den "Lauterbacher Geschichtsblättern" (Jahrg. I S.33 ff.) habe ich den bis jetzt unwidersprochen gebliebenen Nachweis geführt, daß die mit "Alt" zusammengesetzen bzw. falsch verhochdeutschten Bergnamen unseres Gebietes, wie "Altenberg", "Altenburg", "Alterod", "Altenhain" von Haus aus mit dem Eingenschaftswort "alt" nichts zu tun haben, sondern auf eine in heidnischer Vorzeit da befindliche Alah (= althochdeutsch alah, mittelhochdeutsch ale, got. alhs) also einen heidnischen Opferplatz hinweisen.

Entscheidend waren dabei für mich folgende Beobachtungen und Erwägungen:

1. Der Name "Alteberg" (Auch Alteburg, Altehöhe, Altenhain, Alterod) kommt im Vogelsberg und darüber hinaus so häufig vor, daß man dabei an eine appelative Bedeutung denken muß.

2. Die Benennung eines Berges mit dem Eigenschaftswort "alt" hat keinen Sinn, da alle Berge geologisch angesehen, im Volksbewußtsein gleich alt sind.

3. Auch die Annahme (siehe Archiv für hessische Geschichte Bd. X, 3, S. 224), daß man diese Berge alt genannt habe wegen einer bestimmten altertümlichen Bedeutung derselben (z.B. als Opfer- und Malplätze) ist bestechend, aber sprachlich unmöglich. Denn es ist ganz ausgeschlossen, daß die ersten Anwohner solcher Berge, die diese ihre große Bedeutung zuerst erkannten und sich zu Nutze machten, diese Berge namenlos gelassen haben sollten und daß man sie erst später mit dem nichtssagenden Namen "alter Berg" benannt hätte.

4. Die heutigen Alteberge (Alteburgen usw.) haben tatsächlich altertümlichen Charakter. Zum Teil zeigen sie heute noch Spuren vorgeschichtlicher Ringwälle und natürlicher und künstlicher Einfriedigungen, es finden sich in der Nähe vielfach altbedeutsame Flurnamen, und es spielen dort Sagen, die zweifellos mythologischen Ursprungs sind, so daß man mit Recht auf vorgeschichtliche Bedeutsamkeit dieser Berge und Höhen als Opfer- und Malplätze schließen muß.

5. Es ist aber anzunehmen, daß die ältesten Anwohner dieser Berge, die ihre Bedeutung kannten und sich zu Nutze machten, sie auch mit einem Namen benannt haben und benennen wollten, der diese ihre Bestimmung und Bedeutung klar kennzeichnete.

6. Als solches Bestimmungswort ergibt sich ungesucht das altdeutsche Appelativum a'ah (sprich alach), gotisch ahls, das im Mittelhochdeutschen durch Verweichung der Gutturalis zu ala, ale wurde und wie das lateinische templum einen Kult- und Opferplatz bedeutet.

7. Da man später (nachweisbar schon im 12. Und 13. Jahrhundert) die mundartliche Benennung der Berge als Alachberge oder Opferberge), wie das Volk sie heute noch nennt, nicht mehr verstand, verhochdeutschte man sie irrtümlich als Alteberge, Alteburgen usw., ganz ähnlich, wie man aus dem im Jahre 831 urkundlich bezeugten niederhessischen Dorf "Alahstat in pago Hassorum" schon 1244 ein "Aldenstetin", 1272 ein Aldenstede und neuerdings ein Altenstadt machte.

Aus diesem Grunde dürfte es wohl einleuchten, wenn wir unsere heutigen "Alteberg", "Altehöhe", "Altenhain", und "Alterod" als ursprüngliche Alachberge und Alachhöhen ansehen, d.h. als Berge und Höhen, die man sich als Wohnung bestimmter Gottheiten dachte oder wo man bestimmten Gottheiten Opfer brachte.

Für "Aleberg" sagte das Volk auch "Aleburg", wenn der Kultplatz wie der "Alteburgskopf" bei Schotten auf einer Anhöhe mit steil abfallenden Wänden lag und auf den zugänglichen Seiten noch mit Stein- und Erdwällen und Dornicht umfriedet war und deshalb in Not- und Kriegszeiten als Fliehburg benutzt werden konnte. Die "Altenburg" bei Alsfeld ist kein Gegenbeweis. Denn ehe Ritter sich dort eine Burg bauen konnten, baute schon nach einer Urkunde vom Jahre 1178 sich daselbst ein Eremit (Einsiedler) namens Walter eine Kapelle "in loco qui dicitur Aldenbure" (- an einem Orte, welcher Aldenburg genannt wird), also zu einer Zeit, wo dieser Ort noch zu einer Einsiedelei sich eignete und wo an die späteren, gemauerten Steinburgen noch nicht zu denken war, hieß der Berg schon "die Aldenburg". Ähnliche Alachberge und Alachburgen, auch Alachhöhen und Alachhaine genannt, finden sich bei Ilbeshausen, Meiches, Lauterbach, Salzschlirf, Hartmannshain, Gedern, Herchenhain, Schotten, Rainrod, Altenhain, Feldkrücken und an anderen Orten. Bezüglich des sagenumwobenen Meicheser Totenküppels mit seiner alten, dem St. Georg geweihten Kapelle, seinem heilkräftigen Taufstein und Fettborn und seinen alten Sippengräbern bedarf es keines Beweises mehr, daß wir es da mit einer typischen altheiligen Opferstätte aus der Heidenzeit zu tun haben, auch wenn der benachbarte Flurname "An der Ale" nicht ausdrücklich darauf hinwiese, an einer Stelle, wo an eine Sumpfbezeichnung "Ahl" nicht zu denken ist. Auch viele altbedeutsame Vogelsberger Höhen, welche im Volksmund "Hâ, Häche" heißen, und mit "Hain" verhochdeutscht wurden, wie der "Hehrhain", vulgo "Hehrhâ", ein Bergwald, bei Altenschlirf mit seinen mächtigen Hügelgräbern, seinen Sagen und seiner für einen alten heiligen Hain charakteristischen Physiognomie, sowie der alte Malplatz des Herbsteiner Zentgerichtes, der vom Volk "Hâ" und "Häche" und in einer Urkunde vom 1541 "Hain" genannt wird, weisen auf altheidnische kultische Bedeutung hin.

Meistens hat leider das Volk unter dem Einfluß des Christentums die ihm gefährlich scheinenden Erinnerungen an heidnische Götter, die man an diesen altheiligen Orten früher verehrte, aus den Namen der Orte beseitigt, ins Teuflische verzerrt oder ins Christliche umgedeutet. Die schon erwähnte alte Kultstätte am Köddinger Berge mußte sich in einen Teufelskopf umtaufen lassen, und so mancher heilige Hain, in dem man dem Donar oder Wodan oder dem Kriegsgott Ziu blutige Opfer darbrachte, wurde zu einem "Teufelsloch" (zu althochdeutschem loh, sprich loch, lateinisch lucus, Hain) oder einer "Teufelsâl".

Am besten ist noch die Göttin "Holle" oder "Hulle", auch "Holda" oder "Hulda" genannt, weggekommen, die ehemals allgemein in Hessen und Thüringen und weiterhin im Voigtlande, in der Rhön, im nördlichen Franken, in der Wetterau, im Westerwald und vereinzelt auch in Niedersachsen, also dem Verbreitungsgebiet der Chatten, verehrt wurde (vgl. Grimm, Deutsche Mythologie, 2. Aufl., S. 244 ff.). Der weiblich milde Charakter, den diese auch in Oberdeutschland unter dem Namen Perachta, Berchta, Berta bekannte, aber dort noch viel rauhere, unsympathische Züge an sich tragende Gottheit im Glauben unserer chattischen Vorfahren angenommen hatte, bot den christlichen Missionaren am wenigsten Ärgernis. Man ließ deshalb harmlos die Erinnerung an sie in den Namen der nach ihr benannten Örtlichkeiten und in den daran anknüpfenden Sagen und Gebräuchen fortbestehen. So findet sich heute noch ein "Frau Holl- Stein" bei Felda, eine "Hollstein" genannte Örtlichkeit bei Eichelhain mit bedeutsamen Sagen, und bei Bannerod ein Waldort das "Frauenloch" (=Frauenwald), den eine alte Grenzbeschreibung des benachbarten Gerichts Schlechtenwegen von 1526 "das Frauweloch" und die Grenzbeschreibung des Gerichts Crainfeld von 1556 "das Frau-Holl" nennt. Zwischen Herbstein und Lanzenhain befindet sich ein wildromantischer bewaldeter Berg, der in Herbstein "Im Burgfried" und in Lanzenhain "Om Mullstä'sche" (-- am "Mullsteinchen") heißt.Auf seinem flachen, auf drei Seiten von steilen Felswänden bzw. Felsenmeeren umgebenen Gipfel liegt ein altbedeutsamer, altarartiger, über 2 Meter langer und 1 Meter breiter Stein, zu dem ein paar natürliche, nicht von Menschenhand eingehauene Stufen emporführen, der im Volksmund der "Hexenstein" heißt und von dem die Volksetymologie erklärt, daß man früher dort "Hexen" verbrannt habe. Zum Glück haben wir noch eine alte, aus dem Anfang des 10. Jahrhunderts stammende Urkunde, die einen Berg "Trutbrachtestein" nennt, der zweifellos mit unserem Mullstein identisch ist. Es handelt sich um einen bei Dronke abgedruckten Tauschbrief, nach welchem ein Graf Konrad unter anderen Besitzungen seine in Slirefe in comitatu Gerhardi (d.h. in Schlirf in der Grafschaft Gerhards) gelegenen Rodungen, welche ihm König Arnolph geschenkt hatte, vertauscht. Dabei wird angegeben, daß die beiden vertauschten Rodungen (capturae) zu einem Besitztum verbunden seien, welches in seiner Breite vom "Sliresebach" bis zum trockenen "Zeizmaresbrunnen" und in seiner Länge von "Slirese" bis zum Berge "Trutbrachtestein" reiche. Da die sämtlichen im Tauschbriefe genannten Orte und Rodungen links der Schlirf liegen zwischen Altenschlirf, Ilbeshausen und Herbstein, wie ich im einzelnen nachweisen kann, da ferner die Grenzorte Slirese (Dorf Altenschlirf) und Sliresebah bekannt sind, so kommt als "Zeizmaresbrunnen" nur in Betracht eine im Sommer trockene Bachrinne bei Herbstein, die schon im 8. Jahrhundert als "Fulinisbach" bei Sleressa in "Buchonia" genannt wird und heute noch "die Füllsbach" heißt, deren Name offenbar der vermutlich oberdeutsche Urkundenschreiber mit "Zeizmaresbrunnen" verhochdeutscht hat, indem er für "Füllen" Zitzmara (Saugpferd) und für das mitteldeutsche "Bach" das den Oberdeutschen geläufigere "Brunnen" setzte. Analoge Beispiele für die Gleichsetzung von Brunnen und Bach finden sich bei Arnold zur Genüge. Es kommt also, wenn die seither von uns bestimmten Grenzorte richtig stehen - und sie stehen richtig - für den als vierten Grenzort angegebenen Berg "Trutbrachtestein" nur ein Berg in Betracht, der oberhalb Altenschlirf liegt, und zwar in einer Entfernung, die größer ist als die Entfernung zwischen der Schlirf und Füllsbach. Die Landkarte zeigt, daß das nur unser "Mullstein" sein kann.

Da der Urkundenschreiber in seiner Urkunde eine trockene Bachrinne bei Herbstein, die im 8. Jahrhundert schon als Fulinisbach genannt wird, und heute noch Füllsbach heißt, also mit rivulus sicus "Zeizmaresbrunnen" verhochdeutscht, so ist anzunehmen, daß er mit seinem "Trutbrachtestein" ebenfalls einen anderslautenden mundartlichen Namen verhochdeutscht hat. Welchen? Wir erinnern uns, daß die in Mitteldeutschland ehemals verehrte Göttin Holle oder Hulle mit der Perahta, Berta der Oberdeutschen identisch ist und bei diesen auch "Trude" und "Hexenberta" heißt. Sonach ist es zweifellos, daß der Urkundenschreiber damals schon die heute in Lanzenhain übliche Benennung "am Mullstein" vorgefunden und als "am Hullstein" verstanden hat. Ganz ähnlich, wie wir das heutige "Merholz" bei Hanau als ein ursprüngliches "Zum Herolds" zu verstehen haben. Auch der heute noch dort befindliche "Hexenstein" scheint ihm bekannt gewesen zu sein. Und so verhochdeutschte er ganz richtig zusammenfassend unseren "Hullestein" und "Hexenstein" als "Trutbrachtestein" (=Hexenbertastein) und lieferte uns damit den urkundlichen Beweis, daß unser altbedeutsamer Bergwald, der heute in Herbstein "Burgfried" heißt, ein alter heiliger Hain ist, der ehemals einen Opferplatz der Göttin Holle umfriedete, der in Notzeiten den Kultgenossen als Fliehburg diente, und daß wir in dem heute noch dort liegenden "Hexenstein" den dieser Gottheit geweihten altheiligen Opferstein vor Augen haben, wohl wert, daß auch unsere Denkmalpfleger sich seiner annehmen und ihn als wertvolles Zeugnis vom religiösen Glauben und Leben unserer heidnischen Vorfahren vor Zerstörung durch Unwissenheit und Unverstand bewahren.

Das wir unseren wildromantischen Burgfried und seinen altheiligen Hullestein richtig gedeutet haben, bestätigt uns auch die Tatsache, daß dort nach dem in Lanzenhain und Herbstein verbreiteten Volksglauben alljährlich in der Adventszeit ein Reiter ohne Kopf aus dem Walde kommt, bis an die Brücke bei der Wolfsmühle reitet und dort wieder umkehrt oder nach der "Goldgrube" rennt. Es ist der Gatte der Frau Holle, der Sturmgott Wodan mit dem sein Gesicht verhüllenden Wolkenhut, der um diese Zeit sich anschickt, als "wilder Jäger" seinen Umzug zu halten.

Eine weitere Bestätigung für die Richtigkeit unserer Deutung des Bergwalds "Burgfried" (bzw. "Mullstein") als alten Opfer- und Kultplatz der Göttin Holle bietet auch der interessante Umstand, daß sich heute Hessischer Staat, Riedeselsche Samtherrschaft und Gemeinde Herbstein in den Besitz des Platzes teilen. Man darf daraus den Schluß ziehen, daß er als ehedem der gesamten umwohnenden Kultgenossenschaft dienende gottgeweihte und gefriedete Stätte sich der privaten Erwerbung und Benutzung entzog und später infolgedessen als "herrenlose" Liegenschaft verstaatlicht und kommunalisiert wurde.

Als ehemaligen heiligen Hain der Göttin Holle dürfen wir auch einen Wald unterhalb Ulrichstein zwischen Ober- und Unterseibertenrod ansprechen. Nach Bindewald (Oberhessische Sagen, S. 21 f.) befindet sich dort eine Schlucht und eine Höhle, aus deren Dunkel seit unvordenklichen Zeiten, immer des Mittags, "die wilde Holle" herausgeht und sich wie früher dann und wann dem menschlichen Auge sichtbar erzeigt. Sie ist gewöhnlich weiß gekleidet und freundlich, hat auch niemandem nur das geringste Leid zugefügt. Die Höhle reicht weit fort, bis unter den Vogelsberger Hof bei Mullstein - so heißt Ulrichstein im Volksmunde - und hört da auf bei einem breiten Stein, der unten am Berge liegt. Daselbst kommt die wilde Frau auch oft heraus, um an die Oberwelt zu gehen. In dieser Sage dürfte sich die Erinnerung an einen ehemals bei Ulrichstein befindlichen heiligen Hullstein erhalten haben, nach dem man die in der Nähe befindlichen Siedlungen wohl "Zum Hullestein" nannte, woraus dann später, wie bei dem Hullestein bei Lanzenhain, durch Kontraktion "Mullstein" wurde, ein Name, der durch den der später dort begründeten Ritterburg "Ulrichstein" sich nicht verdrängen ließ und bis auf den heutigen Tag der im Volksmund gebräuchliche Name für den Stadtbezirk geblieben ist. Aber während gelehrte Urkundenschreiber im 10. Jahrhundert den Mullstein bei Lanzenhain noch richtig als ehemaligen Hullstein erkannten und als "Berahtestein" verhochdeutschten, haben hier fuldaische Urkundenschreiber des 15. und 16. Jahrhunderts einen "Molestein" oder "Mühlstein" und einen "Molarstein" daraus gemacht. Diese Hypothese dürfte mehr Gründe für sich haben als die gewöhnliche Annahme, daß der Name der später dort erbauten, nach ihrem - übrigens nicht bekannten - Erbauer Ulrich benannten Burg Ulrichstein, den früheren, jetzt nicht mehr bekannten Namen des unten am Berge gelegenen Dorfes verdrängt und in Vergessenheit gebracht habe und daß unser heutiges mundartliches Mullstein auf eine Koseform "Ule" für Ulrich zurückzuführen sei. Die ganze Gegend um "Mullstein" ist so reich an alten auf die Göttin Hulle zurückgehende Sagen, die fort und fort auch die freischaffende Phantasie des Volkes bis in die neueste Zeit beschäftigt haben, daß es geradezu verwunderlich wäre, wenn der ehemals dort wohnhafte Hullenglaube nicht auch am Mittelpunkt seines Kultes irgendwie in Ortsnamen seinen Niederschlag hinterlassen hätte.

Auch in der Gegend von Frischborn muß ehemals der Hulleglaube seßhaft gewesen sein. Denn dort zeigt man heute noch eine Quelle, die von altersher "Frau Holle Loch" heißt und von der das Volk zu erzählen weiß: "Da ist der Eingang zu dem prächtigen Schloß der Frau Holle, welches tief unter der Erde sich befindet und nur dann und wann des Mittags von ihr verlassen wird, um sich im Sauzahl (d.h. Sauschwanz - Wirbelwind) den Menschenkindern zu zeigen. So hütete einmal dort in der Nähe der Frischbörner Schäfer. Unversehens kam der Sauzahl, und eine wunderschöne Musik erklang um ihn her, so schön wie er sie noch nie gehört hatte." (Bindewald a.a. O. S. 21.)

Zwischen Stornfels und Einartshausen springt "der wilden Frau Born". Von ihm berichtet Bindewald (S.22) aus dem Munde des Volkes: "In ihm wohnt die wilde Frau; die ist aber nicht so böse, wie man nach ihrem Namen denken sollte, sondern meint es gar gut mit den Menschen, absonderlich mit den Weibern. Denn wenn eine Frau gern ein Kindlein hätte, so braucht sie nur unbekust (stillschweigends) vor Sonnenaufgang dreimal aus dem Born zu trinken, so battel's (hilft's) ihr gewiß. Neben den Born braucht man nur das Tuch (d.h. die selbstgewobene Leinwand) zum Bleichen aufzuspannen und etwas in einer neuen Schüssel zu essen dabei zu stellen. Dann kann man unbesorgt fortgehen an seine Geschäfte. Es kommt darauf die wilde Frau in der Mittagszeit, begießt das Tuch und bleicht es so weiß, wie es die Menschen nicht können, die Speisen aber nimmt sie mit fort in ihre Wohnung." Diese "wilde Frau", die im Wilden-Frau-Born bei Stornfels wohnt, ist ohne jeden Zweifel ebenfalls die Göttin Holle. Sie nimmt, wie unsere Vorfahren glaubten, die Seelen der Verstorbenen in ihre unterirdischen Wohnungen auf und verwandet sie durch Baden in ihren heiligen Quellen in Kinderseelen (Ursprung der Sage vom Jungbrunnen und von unseren vielen Kinderbornen im Vogelsberg, aus denen heute noch, wie man den Kindern allenthalben erzählt, die "Kingeleller", d.h. die Kindereltermutter oder Hebamme die Kinder holt), und schenkt sie frommen Frauen die ihr bittend Opfer bringen in Gestalt von Speisen, die man hinaus stellt in neuen Schüsseln, und von Geld, das man in ihre Brunnen wirft (daher unsere Goldborne, wie z.B. auf der Feldkrücker Höhe) oder auf die Hollsteine legt (daher auch "Goldsteine" für Hollesteine, wie z.B. ein Berg zwischen Ermenrod und Felda heißt, der auch Wildfrauenloch (Wildfrauenwald) heißt; vgl. Archiv für Hess. Geschichte und Altert. Bd. X, S. 275). Auch beim Opfermahle zu Ehren der Gottheit durfte man nur neue, noch ungebrauchte Töpfe und Teller benutzen, die man nach beendigtem Schmause am Opfersteine zerschellte, um die Gottheit nicht durch weiteren Gebrauch der bei ihrer Verehrung benutzten Gefäße zu profanen Zwecken zu beleidigen. Für diese der Göttin angetane besondere Ehre, an die auch das Salamanderreiben der Studenten mit nachfolgendem Zerschmettern der Gläser erinnert, zeigte diese sich wieder besonders erkenntlich durch Spenden von Fruchtbarkeit und häuslichem Glück. Noch heute werfen im Vogelsberg die Nachbarn am Aschermittwoch, bei Schlachtfesten, bei Hochzeiten usw. einander Töpfe wider die Haustüre und auf die Haustürschwelle, je mehr desto lieber, damit der Flachs gedeiht (Rixfeld) und "weil solche Scherben Glück bringen."

In den Namen der bis jetzt beschriebenen, zweifellos der Göttin Holle geheiligten Orte des Vogelsberges wird diese Göttin bald "Frau Holl (Holle)", bald "Wilde Holl" und gleichbedeutend damit "Wilde Frau" genannt. Wir dürfen deshalb getrost auch alle altbedeutsamen Orte hierher rechnen, die den Namen "Wildfrauenhaus" tragen (wie z.B. bei Eschenrod, Wohnfeld und anderswo), besonders wenn sie wie das zu Eschenrod von Menschenhand nachgebesserte alte Anhöhen sind oder von alten, auf die Holle sich beziehende Sagen umspielt sind.

Ja, ich gehe noch weiter und rechne auch das dem schon erwähnten Goldborn benachbarte "Wildfrauenloch" auf der Feldkrückerhöhe hierher, von dem mir eine alte Frau in Feldkrücken zu erzählen wußte, daß früher eine "welle Frâ" (wilde Frau) da gewohnt habe, sowie das "Wilde Haus" bei Dirlammen und die sagenumwobenen "wilden Steine" zu Altenschlirf und Freiensteinau. Bestimmend ist mir dabei auch der Umstand, daß der letztgenannte "Wilde Stein" auf dem Winterberge bei Freiensteinau im Volksglauben zur Christkindcheswiege für die Jungfrau Maria geworden, also ins Christliche umgetauft worden ist, und das im "Wilden Haus" am Steigersberge bei Dirlammen in der Nachbarschaft vieler Hünengräber das Christkind wohnt, wie das auch in meiner Kindheit noch in Heblos allgemein von einer romantischen Felswand am Alten Berge, einem ursprünglichen Alachberg (vgl. Lauterb. Gesch.-Bl., Jahrg. 1, S. 35 ff.), behauptet wurde, bis ein moderner Steinbruch dort der altheiligen Romantik ein Ende machte.

Wir sahen schon, daß gerade der menschlich milde und freundliche Charakter der Kindermutter Holle es war, der ihre Namen und Kultstätten beim Aufkommen des Christentums vor Zerstörung und Verzerrung ins Teuflische bewahrte und geeignet erschienen ließ, ins Christliche umgedeutet zu werden. So wurde die Holle zur Jungfrau Maria, und wir dürfen sicher sein, daß überall, wo heute die Maria in geheimnisvollem Bergwald wohnt und das Christkind, statt vom Himmel, aus urzeitlichen Felsgrotten kommt, ehemals nach dem Glauben unserer Vorfahren die Frau Holle gewohnt hat. So tragen bei Schadges zwei den Bach durchquerende hohe Felsrücken den altertümlichen Namen "die Weibsreck", d.h. die Weibsrücken. Unmittelbar daneben findet sich für die zwischen Bach und romantischer Felswand hinziehende Wiese der altbedeutsame Name "Nickelsport". Nach der in Schadges altüberlieferten Sage kommt dort das Christkind her. Wo Niklas offenkundig die Göttin Holle gewesen, die mit ihrem Gatten Wodan den christliche Phantasie so sinnig zu des Christkinds Knecht und Beschützer machte, ehedem hinter der Nickelsgort wohnte und die heute noch "Weibsreck" genannten Felsrücken als Bank benutzte, wenn sie nach ihrer Gewohnheit um die Mittagszeit im Bache zu baden pflegte. Auch bei Udenhausen soll ein Berg den Namen Wiebelsrück führen. Wir dürfen uns nicht daran stoßen, daß für unsere Göttin Holle statt des erlauchteren Titels "Frau" die für unser Sprachgefühl etwas despektierliche Bezeichnung "Weib" gebraucht wurde. Im Altertum hatte das Wort Weib noch nicht eine verächtliche Nebenbedeutung. Schon in den Traditiones Fuldenses wird ein Wildfrauenhaus als domum wildero wibo genannt, und in der Lutherbibel lesen wir im Galaterbrief, daß Christus dem Fleische nach von einem Weibe geboren ist. Es ist ein interessantes Zeugnis sowohl für die Zähigkeit altreligiöser Vorstellungen im Volke als auch für die bis in die älteste Zeit germanischer Volksreligion hinaufreichende geschichtliche Kontinuität der chattischen Bevölkerung des hohen Vogelsberges, daß die ehemalige Göttin Holle bis auf den heutigen Tag nicht nur in altheiligen Namen und Orten fortlebt, sondern auch in der Phantasie und im Glauben des Volkes noch lebendig ist und da in einer ihrem ursprünglichen Wesen adäquaten Weise heute noch geschaut wird.

Wir müssen zum Beweise dessen noch ein paar Worte über den im Vogelsberger Volke noch heute lebendigen Holleglauben sagen. Wenn es schneit und lustig die großen Schneeflocken fliegen, dann sagt man: "Frau Holle macht das Bett" und "Frau Holle schüttelt die Federn". Gemäß dieser Vorstellung der Holle als der fleißigen und tüchtigen himmlischen Hausfrau (des Wodan), erscheint sie auch unter den Menschen als Vorbild und Hüterin der weiblichen Tugend und der häuslichen Sitte und Ordnung. Fleißigen und frommen Frauen schenkt sie Kindersegen und hilft ihnen unsichtbar bei der Arbeit, insbesondere beim Spinnen und Bleichen (Stornfels). Dem Bauersmann segnet sie das Feld mit Fruchtbarkeit. Sie läßt denen, die sie mit Opfern ehren (Topfwerfen), den Flachs geraten und verwandelt ihren Lieblingen die Leinsamen und Weizenkörner in Gold. So am Schershain bei Grebenhain und anderen Orten (nach Bindewald), wo sie dem einsamen Wanderer sich zeigt als Weib, das spinnt und Knotten (d.h. die Samenkapseln des Leines) klengt. Wenn im Winde das blühende Kornfeld wie bewegte Wasserwellen auf und nieder wogt und der Blütenstaub die Aehren befruchtet, dann sagt man andächtig: "Die Kornfrau geht" (Heblos und Rixfeld). Ueberall kennt man sie in Sage und Märchen als ein höheres Wesen, das dem Menschen freundliche, hilfreiche Gesinnung beweist und dieselbe Gesinnung fordert und belohnt, aber zornig wird, wenn sie Unordnung und Trägheit sieht. Fleißigen Spinnern spinnt sie über Nacht den Rocken fertig, aber wenn ein Mädchen bis "Scheidabend" (d.h. am letzten Spinnabend vor der Wintersonnenwende, wo alle Räder still stehen müssen), seinen Rocken nicht fertig abgesponnen hat, dann fährt die Holle hienein und verwirrt ihn (Rixfeld). Ein Mädchen mit unordentlich verworrener Haarfrisur nennt man überall im Vogelsberg einen "Hullkopp" und sagt: Die sieht aus, man meint, sie wär' "mit der Holle gefahren". Wenn um die Zeit der Wintersonnenwende Wodan, gefolgt von den im Kriege gefallenen Helden, als "wilder Jäger" seinen tollen Umzug durch die alten vergessenen Malstätten und altheiligen Haine hält, dann zeigt sich dem Sonntagskinde oft auch seine mildere Gemahlin, die Frau Holle, gefolgt von langem, stillem Zuge junger Kinderseelen, die ebenfalls Hollen heißen (vgl. die Sage vom Tränenkrüglein und den vielen "Kinderborn" im Vogelsberg, in denen Frau Holle wohnt und die Seelen der ungeborenen Kinder verwahrt, auch die Seelen der Verstorbenen wieder badet). In hellen Nächten kann man die Kinder darin krabbeln und patscheln sehen und schreien hören (z.B. zu Birstein im Milchborn, zu Landenhausen im Pfingstborn, zu Betzenrod im Hirzborn, zu Büdingen und Großendorf im Herrgottsborn). Das Wasser der Holle- oder Goldborne bringt Segen dem, der daran glaubt (Goldborn auf der Feldkrücker Höhe), und Unsegen dem, der es verachtet (Fettborn bei Meiches). Es "battet" (hilft) den Frauen in Kindsnöten und den Sterbenden, wenn sie es gläubig trinken (Ziegelbörnchen bei Merlau) und beschert Kindersegen, wenn eine Frau vor Sonnenaufgang unbekust (stillschweigend) dreimal aus dem Borne trinkt (Wildfrauborn bei Einartshausen). Kinder erschreckt Frau Holle oft als weiße Frau am "Kindchesborn" beim "Fraustein" zu Windhausen, wenn diese mit ihrem Gelzen kommen, um Wasser zu schöpfen. Für unartige Kinder dient sie auch als Schreckbild. Wie man in Baiern laute Kinder stillt mit der Drohung: "Die Trude kommt", so sagt man in Ulrichstein, hinzeigend auf die um die Mittagszeit am Schloßberge sich zeigende weiße Gestalt: "Seid still oder das Schloßfrauchen kommt". Als Lieblingswohnung der Frau Holle denkt man sich geheimnisvolle Berge und Felsen oder heilige Quellen und Haine. Wenn die Göttin ihre Wohnung verläßt oder wechselt, nimmt sie in der Regel Menschengestalt an. Gewöhnlich um die Mittagszeit sieht man sie, bald als schöne, junge weiße Frau badend ins Wasser steigen, oder den Hirten und einsamen Wanderern begegnen, bald als alte, graue Frau Wolle spinnen, Leinsamen klengen oder Wäsche waschen und trocknen (so. z.B. nach Bindewald im "Schershain", einer Wüstung bei Grebenhain, im "Wildholl-Loch" bei Seibertenrod, an der "Altenburg" bei Sichenhausen, am "Fraustein" bei Windhausen, im ehemaligen Bornwäldchen zwischen Groß- und Klein-Eichen, am Hirtenhäuser Rain bei Heimertshausen und an anderen Orten). In den Bergen (z.B. dem "Mullsteiner Schloßberge") haust sie mit ihrem Gatten in Schlangengestalt, wobei eine goldene Krone sie als Königin der Erdgeister kennzeichnet, sie zum Rang der Himmlischen erhebt und ihr Unsterblichkeit verleiht (vgl. Wolf, Beiträge zur deutschen Mythologie I, S. 440 f.). Manchmal kriecht sie auch als Schlange zum Bach und badet um die Mittagszeit, wobei sie ihre Krone ablegt. Aber wenn verwegene Menschen sie belauschen und ihr die Krone rauben wollen, fährt sie auf sie los mit mark- und beindurchdringendem Zischen und Pfeifen.

Manchmal gibt sie auch freiwillig die Krone her zum Lohn für edle Tat. Eine Dienstmagd gab einer Schlange oft Milch. Als das Mädchen heiraten wollte und zum letzten Male die Schlange tränkte, gab die Schlange ihr die Krone (Wolf, Beiträge I, S. 440).

Unschwer erkennt man in diesen Zügen den Charakter der freundlichen Ehestifterin Holle, die Tugend zu belohnen weiß. Und so fällt auch auf die gekrönte Schlange, die dem mitleidigen Hirtenknaben auf dem Schloßberge zu Ulrichstein (vulgo Mullstein) das Haar vergoldet, weil er ihr Kind befreit hatte, ein gewisses geschichtliches, d.h. mythologisches Licht.

Wenn auch die jetzige Gestalt der Sage nicht sehr alt sein kann, so mögen ihr doch ältere Erinnerungen an ein im Berge hausendes himmlisches Wesen zugrunde liegen, und sie bestätigt, zusammengehalten mit den schon erwähnten dort spielenden älteren Hollesagen, daß in und um Ulrichstein einst der Hulleglaube allgemein verbreitet war und heute noch im Volke als Aberglaube lebendig ist.

Wir sind am Ende unserer Darstellung. Sie erhebt nicht den Anspruch, alle im oberen Vogelsberge befindlichen altheiligen, insbesondere der Holle geheiligten, Waldorte, Felsgrotten, Steine, Höhen und Quellen namhaft gemacht zu haben. Das kann erst geschehen, wenn die Sammlung der oberhessischen Orts- und Flurnamen, Sagen und Urkunden, Sitten und Gebräuche, sowie die Zusammenstellung aller Altertumsfunde, Gräber und Siedlungen fertig vorliegen. Nur die Namen, Orte und Sagen haben wir aus der Fülle des Vorhandenen ausgewählt, die zweifellos auf altgermanischen Götterkult und insbesondere auf ehemalige Verehrung der Göttin Holle oder Hulle im hohen Vogelsberg hinweisen. Wir hätten noch zur Bestätigung des Gesagten zeigen können, wie auch heute im oberen Vogelsberg gewisse Tiere, wie Storch, Schwalbe, Marienkäferchen, und Pflanzen, wie Linde und Erle, Hasel und Holunder (auch Holder, Holler genannt) sowie seine Namensvettern Wachholder und Maßholder, die ehemals allgemein bei unseren heidnischen Vorfahren heiligen, d.h. mit den Göttern in Verbindung stehenden Charakter hatten, pietätvoll geduldet, geschont und gepflegt, ja wie beseelte Wesen verehrt wurden. Denn wenn auch bei den genannten Tieren und Pflanzen die Beziehung auf Holle wahrscheinlich ist, wie die Beziehung der Eiche und des Ziegenbocks auf Donar und des Wolfes und Pferdes auf Wodan, so beweisen bei den zuletzt genannten Marienkäferchen und Holunder schon die Namensformen deutlich ihren ursprünglichen Zusammenhang mit dem Holleglauben. Der Holunder oder Holler (Holder) ist zweifellos ein ursprünglicher Hollun-ter, Hollun-tar, bzw. Holl-der, d.h. Baum der Holle (tar, ter, der = Baum, vgl. Affolter = Apfelbaum) und wie im Vogelsberge allenthalben heilige Steine und Felsgrotten der Holle auf die Jungfrau Maria umgedeutet wurden, so dürfte im Namen des Marienkäferchens sich auch eine ehemalige Beziehung auf die Göttin Holle verstecken.

Noch andere Indizien für den ehemaligen Hollekult im hohen Vogelsberg ließen sich anführen. Doch das beigebrachte Material, das jeder geschichts- und sprachkundige Kenner von Land und Leuten beliebig vermehren und ergänzen kann, mag genügen, um zu zeigen, daß im ganzen in Betracht gezogenen Gebiet das äußere und das innere Leben unseres Volkes sich abspielt auf dem Boden ehemaligen heidnischen Holleglaubens und daß dieser alte Holleglaube noch so lebendig als Aberglaube im Gemüte unseres Vogelsberger Landvolkes fortwirkt und in Namen, Sagen, Sprichwörtern, Sitten und Gebräuchen sich bezeugt, daß wir einen unmittelbaren und ununterbrochenen Zusammenhang zwischen der Bevölkerung von einst und jetzt annehmen müssen. Und da sich diese Erscheinung in allen Orten des Vogelsberges, den höchstgelegenen fast noch auffälliger als den tiefer gelegenen, zeigt, so müssen wir annehmen, daß auch die Entstehung der höchsten, am Rande des Oberwaldes gelegenen Orte, deren Namen auf "hain" (urprünglich hagon, hagin, hagen) endigten, noch in die vorchristliche Zeit fällt und nicht wie meist angenommen wird, in die Zeit der christlichen Waldrodungen, die von den Klöstern Fulda und Hersfeld ausgingen, wie. z.B. Allmenrod, Brauerschwend u.a. Sie bezeichnen ja auch schon dem Namen nach (hag, hac - eingefriedeter Ort) nur Siedlungen, die man sich durch Einfriedung und Urbarmachung von waldlosem Oedland gewann, wie es sich heute noch reichlich in den Germarkungen der fraglichen Orte findet.

Die uralten Steinwälle, die dort zwischen den Ackerfeldern sich hinziehen und die Wiesen umgrenzen, bezeugen heute noch, soweit sie der Feldbereinigung nicht zum Opfer fielen, daß man sich das Gelände, auf dem die Cholihizo, Lanzo, Hercho, Eigil, Brunine, Hruodino und Hartmann ihre Gehöfte anlegten, als mit Basaltfindlingen überstreute Triften vorstellen muß, die leichter urbar zu machen waren als Waldland und darum auch zuerst in Angriff genommen wurden.

Erst später nötigte die Landnot dazu, auch zu Waldrodungen zu schreiten.

Aber auch diese späteren christlichen Waldroder waren Kinder desselben Chattenstammes und darum innerlich zum alten Holleglauben nicht anders eingestellt als die Bewohner ihrer älteren Nachbardörfer und soweit sie eingewanderte Glieder eines fremden Stammes waren, mag der Glaube und Aberglaube ihrer Umgebung so auf sie abgefärbt haben, daß sie ihren Nachbarn in fraglicher Hinsicht heute geistesverwandt erscheinen.

Aber noch einen zweiten Gewinn dürfen wir aus den Ergebnissen unserer Untersuchung für die Siedlungsgeschichte des Vogelsberges ziehen.

Wir sehen, daß das Charakterbild der Göttin Holle viel mehr edelmenschliche und milde Züge trägt als die Perahta der Oberdeutschen. In den Gottesvorstellungen der Menschen spiegelt sich ihr eigenes Wesen wieder.

Sie sind das Spiegelbild ihrer Kultur und Gesittung. Dürfen wir die rauhe Hexenberta, die ihrem namen Perahta (die Glänzende) und vielen auf ihren Kult zurückgehenden, heute noch in Oberbayern und Schwaben volkstümlichen, altheiligen Feuerbränden (z.B. Feuerräder) nach zu schließen, an die Sonne hinweißt, als die Gottheit der nomadischen und halbnomadischen Sueben betrachten, so spiegelt uns die Umbildung ihres wilden, schreckhaften Wesens zur milden, menschenfreundlichen, hausmütterlichen Holle, die die häusliche Tugend belohnt und die Feldarbeit segnet, die Entwicklung unserer Altvorderen zu einem seßhaften Bauernvolk von gehobener Kultur und gemütvollerer Lebenshaltung. Aus dem Charakter , den die Göttin Holle ( = Holde? milde) im Glauben unserer Altvorderen im Vogelsberg angenommen hatte, dürfen wir schließen, daß sie, als die Schottenmissionare und die Sendboten der Klöster Fulda und Hersfeld kamen und sie zum Christentum bekehrten, keine rohen, menschenschlachtenden Barbaren und keine kulturlosen Nomaden und Halbnomaden mehr waren, sondern ein Volk bodenständiger Bauern, die sich nicht nur auf Viehzucht und Milchwirtschaft, sondern auch auf Korn- und Flachs- und Gartenbau verstanden, die die Wolle spinnen und die Schaftfasern des Flachses zu schneeweißem Leinen weben und bleichen konnten, und das alles im betenden Aufblick zu einer Gottheit, die als himmlische Gattin des Wodan allen irdischen Frauen göttliches Vorbild war, die die Treue und Tugend lohnte, die Arbeit des Landmannes segnete und dem menschlichen Leben an Opfer- und Feiertagen Weihe und Glanz und Freude verlieh.